Sonntag, 27. April 2014

Die Putinversteher und die Verschwörung


„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ - Dieser berühmte Satz von Emanuel Kant wird immer wieder gerne zitiert. Ich persönlich lege es auch jedem ans Herz, seinen Verstand zu bemühen, sich zu bilden und zwar in allen Belangen. Auch wenn ich hier viel über Finanzen schreibe, so meine ich mitnichten nur finanzielle Bildung. Ich warne auch davor, nur formellen Bildungsabschlüssen (Diplome, Masterabschlüsse etc.) hinterherzujagen. Entscheidend ist die Einstellung, dass Bildung an sich ein Wert ist und nicht nur ein Stöckchen, über das zu springen hat, um mehr Geld zu verdienen. Wer sich nur zweckorientiert bildet, kommt auch beruflich nicht sonderlich weit, bin ich der Meinung, weil viele Denkanregungen und auch weil das leidenschaftliche Spielen zu kurz kommt. Ich persönlich übe mit Leidenschaft meinen Beruf aus und die dankbarsten Stunden sind jene, wo ich meinen Entdeckergeist ausleben kann. Dann lernt man eine neue Programmiersprache, neue Konzepte, neue Paradigmen und entwickelt ganz neue Denkstrukturen, die einem in anderen Programmiersprachen wieder zugute kommen.

„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“, ist aber auch ein klassisches Todschlagargument geworden. Todschlagargumente sollen nicht den Gegner überzeugen, sondern ihn diskreditieren. In diesem Falle ist es die Unterstellung, der Gegner setzte seinen Verstand nicht ein, weil der Mut fehlte oder weil man indoktriniert wäre. Durch Putin und die Euro-Krise, kann man dieses Todschlagargument, ob ausgeschrieben oder nicht, in sämtlichen Foren lesen, bei SPON, beim Handelsblatt, bei faz.net, einfach überall.

Ein solches Exemplar ist liefert heute „gianfranco“ im SPON-Forum ab. Er schreibt:

Es bestätigt vielmehr die Erkenntnis, dass Gehirnwäsche funktioniert -
ungebrochen.

„gianfranco“ ist total überzeugt, dass er den Durchblick hätte, alle anderen, die ihm nicht zustimmen, irgendwie verblendet. Er hält es für ausgeschlossen, selbst Opfer der eigenen Wahrnehmung zu sein. Seine Auffassung, dass der Westen schuld an der Misere in der Ukraine wäre, ist absolut, was man aus seinen anderen Beiträgen heraus liest. Dass Russland egoistische Machtpolitik verübt, ist ein fernliegender Gedanke. Er hält „Russia Today“ für eine glaubwürdigere Quelle als die mannigfaltige westliche Medienlandschaft. Ein vernünftiger Gedanke wäre es doch, dass man freien Medien in einer Demokratie, die auch gegenteilige Argumente austauschen, eher vertraut als solchen Medien, die immer nur im eigenen ideologischen Saft schmoren oder bestimmte Interessen vertreten. Genausowenig wie man der Apothekenrundschau bzgl. Gesundheitsthemen vertrauen kann, genausowenig sollte man „Russia Today“ bzgl. der russischen Außenpolitik vertrauen.

Ich sehe es mit Sorge, dass diese Verschwörungstheorien überhand nehmen. Sie weisen den Weg in ein antiaufklärerisches Zeitalter, vielleicht in eine Neuauflage einer deutschen Diktatur. Die Linkspartei (PDS, SED) hat sich eigentlich immer als antiwestlich gebärdet, zeigt im Falle der Ukraine-Krise ihr wahres Gesicht. Wehedem ein westliches Land krümmt auch nur ein Haar eines Arabers, eines Afghanen oder eines Serben. Wenn Russland sich den Teil eines anderen Landes vereinnahmt, ist das nicht ein Satz der Kritik wert. Schon komisch. Wer sich in Deutschland gegen Gender- und Queer-Theorie im Schulunterricht ausspricht, wird aus linken Kreisen schnell der „Homophobie“ bezichtigt. Dass Russland homosexuellenfeindliche Gesetze erlassen hat, spielt für die PDS keine Rolle. Da sieht man, wie viel Wert universelle Menschen- und Bürgerrechte den Linken wert sind. Es sind nur hohle Sonntagsreden.

Bei der AfD sieht die Sache noch viel schlimmer aus; man erlebt in einem Zeitraffer, wie eine Protestbewegung von verschwörungstheoretischen Gedanken okkupiert wird. Würde ein Hans-Olaf Henkel heute noch dieser AfD beitreten? Ich denke nicht. Bei der AfD haben sich schon lange antiwestliche Ressentiments ausgebildet. So ist der Euro für sie nichts anderes als ein Instrument, um das deutsche Volk auszubeuten. Wirkliche Argumente gegen den Euro liest man bei denen selten. Bestehende Ressentiments werden nun stückweise ergänzt mit prorussischer Propaganda. Teile der AfD dürften mit der homosexuellenfeindlichen Politik Putins ohnehin auf einer Welle liegen. Zugleich hängen sie der Verschwörung an, die USA hätten das alles eingefädelt und nicht Putin.

Ein exponierter Vertreter dieser Euro-Verschwörungstheoretiker ist Dirk Müller. Dirk Müller postulierte schon in seinem ersten Buch, dass die USA nicht wegen es Öls in den Irak einmarschiert wären, sondern um den Dollar zu retten, weil sie verhindern wollten, dass der Irak sein Öl gegen eine andere Währung als Öl verkauft. Ich finde diese Hypothese noch unsinniger als die „Krieg für Öl“-These. In seinem dritten Buch behauptete er, die USA hätten ein Interesse, die EU zu entzweien, um sich das griechische Gas in der Ägäis zu krallen. Schaut man auf sein kostenpflichtiges Internetangebot http://www.cashkurs.com, dann bekommt man schon beim Lesen der Überschriften eine ungefähre Ahnung, was da abgeht. Einen Artikel kann man auch ohne zu bezahlen, lesen: http://www.cashkurs.com/kategorie/gesellschaft-und-politik/beitrag/washington-treibt-die-welt-in-einen-krieg/. Der Beitrag ist nicht von Müller persönlich, sondern von Paul Craig Robert. Aber da der Artikel dort widerspruchs- und kommentarlos veröffentlicht wurde, darf man annehmen, Müller selbst steht für derartige Positionen. Darin lesen kann man von einer Griff Washingtons nach der Ukraine. Mir ist nicht bekannt, dass der NATO-Eintritt der Ukraine Gegenstand irgendwelcher Diskussionen war, noch nicht einmal der EU-Beitritt, sondern nur der Status assoziertes Mitglied. Zudem verkennen diese Putin-Versteher, dass die Ukraine ein souveränes Land ist und wenn es deren Wille ist, sich von Russland zu emanzipieren, dann ist es ihr gutes Recht. Die Ukraine ist weltweit als eigenständiger Staat anerkannt, auch von Russland und es ist doch von Russland nicht zu viel verlangt, eigenständige Entscheidungen des ukrainischen Volkes zu respektieren. Es ist wohl ein abwegiger Gedanke für AfDler, dass sich ein Land freiwillig in die EU begibt oder assoziiertes Mitglied wird. Abartig finde ich auch den häufig geäußerten Gedanken, die Ukraine gehöre in Russlands Interessenssphäre, die der Westen zu respektieren hätte. Lebt da etwa der alte von Ribbentrop und Molotow geschlossene Vertrag wieder auf?

Es ist nicht Ausdruck eines aufklärerisches Denkens, immer nur „Cui bono?“ zu fragen, also wem es nützt. Nur weil es die Rolle des Dollars als Weltwährung stabilisiert, wenn es wegen des Euros Streit gibt, sind die USA noch lange nicht Initiatoren dieser ganzen Krise. Wer Cui bono? fragt, kann auch gleich alle Erben unter den Generalverdacht stellen, den Erblasser ermordet zu haben, denn sie sind es, die profitieren.

Auch wenn Müller nicht Mitglied der AfD ist, so ist er doch auf der gleichen Wellenlänge der AfDler. Seine Fans sind häufig zugleich AfD-Anhänger und teilen mit ihm seine Verschwörungstheorien. Während ich vor anderthalb Jahren der AfD noch das eine oder andere positive abgewinnen konnte, sehe ich in ihr heute eine eindeutige Bedrohung. Diese Verschwörungstheorien sind ein eindeutiges Indiz, wohin die Reise hingeht. Nur weil die AfD nicht die Vernichtung der Juden fordert, sind Nazivergleiche nicht völlig abwegig. Auch bei den Nazis begann alles mit Verschwörungstheorien. Es gibt sogar Äußerung, das „Weltjudentum“ hätte 1939 Deutschland den Krieg erklärt.

Jürgen Elsässer mischt auch schon bei der AfD mit und Ken Jebsen ist mittlerweile ein gern gesehener Gast (http://www.eisenblatt.net/?p=19072). Und wo sich die beiden ideologisch wohl fühlen, haben vernünftige Gedanken keine Chance mehr. Kritik an Russlands Vorgehen wird als "Kriegshetze" abgetan. Wer auf Berichte in deutschen, britische, schweizerischen oder amerikanischen Medien hinweist, wird als Opfer der "Systemmedien" hingestellt, die auch nur gleichgeschaltete Kriegshetze betreibten.

Samstag, 12. April 2014

Mietfrei wohnen, ohne sich zu verschulden

"Betongold" ist wieder mal in aller Munde. Ich bin Anfang 30 und man erfährt mit, dass die gleichaltrigen Kollegen langsam ans Häusle bauen denken bzw. in die Tat umsetzen. Ich sehe das sehr kritisch. Ich hänge nicht der Illusion vom "Betongold" an. Allein der Begriff ist ja zweischneidig. Von den Benutzern ist er in positiver Konnotation benutzt, aber Beton hat auch was negatives. Anhänger des "Betongoldes" sind oft regelrechte "Betonköpfe". Hans im Glück war schon ein Goldklumpen zu viel, den er dann gegen ein Pferd getauscht hatte. Für einen Betonklumpen hätte er nicht einmal einmal einen alten Esel bekommen.

Ich bin ein Freund des Aktiensparens und habe mir vor Jahren mal folgende Überlegung gemacht: Wie lange und wie viel muss ich monatlich in Aktien investieren, um meine Nettokaltmiete aus den Dividendeneinnahmen zu bestreiten?

Annahmen: Ich gehe von 7 % Rendite aus (nach Inflation, nach Steuern, bei Reinvestion der Dividenden). Dividenden werden solange reinvestiert, bis das Aktiendepot den enstprechenden Wert hat. Ich gehe bei 4 % Dividendenrendite aus, nach Steuern.

Eine Nettokaltmiete von 375 € pro Monat ergibt 4500 € pro Jahr, d.h. ich benötige ein Depot im Wert von 112500 €. sm ist die monatliche Sparrate.

            1,07^(n+1) - 1
112500 € = --------------- sm * 12
            1,07 - 1


7875 € = (1,07^(n+1) - 1) sm * 12



Nun kann man in sm einen konkreten Wert einsetzen, wie z. B. 1100 €. Ich dividiere dann auch sofort durch sm.

0,597 = 1,07^(n+1) - 1

1,597 = 1,07^(n+1) 

Nun wird logarithmiert:

ln 1,597 = ln (1,07^(n+1))

ln 1,597 = (n+1) ln 1,07

n+1 = ln 1,597 / ln 1,07 = 6,9.

n = 5,9.

Das war jetzt ganz einfache Mathematik. Man benötigt also nicht einmal 6 Jahre. Man könnte sogar noch mehr schaffen. In vielen Firmen gibt es Bonuszahlungen, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und wer Dienstreisen hat, bekommt auch noch Spesen, die ein nettes Zubrot sind. Durch Erhöhung der monatlichen Sparraten durch konsequente Investition jener Einnahmen neben dem regulären Gehalt kommt man auf mehr als 1100 € pro Monat. Ich komme gar auf über 20000 € pro Jahr.


Ich habe eine LibreOffice-Tabelle erstellt, in der man nur ein paar Randdaten eingeben muss (Wie hoch ist die aktuelle Miete?), um zu errechnen, wie schnell man das Aktiendepot zusammengespart hat.