Donnerstag, 31. Juli 2014

Der Antisemitismus der Linksextremisten wundert mich nicht.

Ich habe kürzlich einen sehr lesenswerten Kommentar von  Henryk Broder entdeckt. Er echauffiert sich über das Herunterspielen der antisemitischen Entwicklungen. Ganz besonders schlimm finde ich, dass Diether Dehm (SED) behauptet, Antisemitismus fange erst mit dem Massenmord an, was ja impliziert, dass man ein "Pogrömchen" mit 100 toten Juden nicht mehr als antisemitischen Gewaltexzess bezeichnen dürfe.

Ich kann mir nicht vorstellen, ob es Leute wie Dehm nicht besser wüssten. Die wollen einfach ihre antisemitischen Befindlichkeiten pflegen und ausleben, ohne mit dem Etikett Antisemit durch die Lande zu ziehen. Wie sonst ist es denn zu erklären, dass Leute wie Dehm sofort von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sprechen, wenn man bei Migranten beispielsweise Kenntnisse der deutschen Sprache voraussetzen möchte? Da ist die Schwelle doch zu ziemlich gering.

Türken und Araber müssen ja solche Mimosen sein, wenn sie die vorrausgesetzte Beherrschung der deutschen Sprache als Affront auffassen. (Ich erinnere mich, dass ich als sechsjähriger "Bio-Deutscher" zum Logopäden musste, weil ich bestimmte Konsonanten schlecht aussprach. Ich weine doch auch nicht herum, ich wäre diskriminiert worden.) Jedenfalls wird ihnen das von SEDlern und anderen Genossen unterstellt. Ein Jude aber solle sich nicht so haben, wenn man ihn auf offener Straße anspuckt, ihm die Kippa vom Kopf reißt, seine Synagoge beschmiert oder seine Kinder erschießt.

In den Diskussionsforen gibt es ja auch immer diese Neunmalklugen, die behaupten, die Palästinenser können keine Antisemiten sein, schließlich wären sie selbst Semiten. So schafft man den Antisemitismus mittels Korinthenkackerei aus der Welt, denn nach der Definition gäbe es keinen Antisemitismus. Außerdem zeugt es von geringer Bildung, den Begriff derartig zu sezieren. Der Begriff ist als feindliche Einstellung gegenüber Juden entstanden und sollte man ihn auch benutzen. Alles andere ist ahistorisch.

Der Antisemitismus und die Geschichtsvergessenheit der Linksextremisten wie Dieter Dehm verwundern mich nicht. Es ist ja nicht nur Geschichtsvergessenheit, sondern auch Geschichtsklitterung, was die Linksextremen auszeichnet. Schon die SED-Propaganda war diesbezüglich sehr erfolgreich. Offiziell war die DDR antifaschistisch, natürlich hat man die Schulkinder schon in der ersten Klasse mit Ernst Thälmann gequält, aber gelernt haben die Kinder nur eines: Es ist ausreichend, mit dem Strom zu schwimmen und eine antifaschistische Fassade aufrecht zu erhalten. Hinter der Fassade kann man alles sein: Ausländerfeindlich, judenfeindlich, rassistisch. Schwarze wurden munter als "Neger" und "Kohlen" bezeichnet, Asiaten als "Fidschis". Wer ein bisschen Trödel betrieb, "judete". Die SED hat dies alles geduldet und forciert. Vietnamesen wurden separiert und Juden schikaniert. Ich weiß das, weil ich in der DDR geboren wurde und noch einige Jährchen bewusst miterlebte. Und natürlich kenne ich die Einstellungen vieler Leute, die zur Gänze in der DDR sozialisiert wurden.

Es gibt von Regine Hildebrandt den Satz, die "Wessis" benötigen ein zusätzliches Jahr bis zum Abitur für Schauspielunterricht. Den gab es in der DDR aber auch: Die Kinder wussten schon früh, wie wichtig es sei, eine regierungstreue Fassade zu schaffen und aufrecht zu erhalten.

Eine wirkliche Abneigung aus tiefster Überzeugung gegen die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Ideologie hat der offizielle Antifaschismus der DDR nicht hervorgebracht. Nicht Juden galten als die Hauptopfer der Nazis, sondern Kommunisten. (Das halte ich für Geschichtsklitterung.) Selbst bei den historischen Fakten, waren viele DDR-Bürger selbst mit Abitur recht unsicher unterwegs. Da galt dann schon mal Bismarck als der unmittelbare Vorgänger von Hitler.

Ich habe zwar nur zwei Jahre in der DDR-Grundschule verbracht, aber daran erinnere ich mich sehr genau. Und an die hohlen Phrasen gegen Faschismus, für Frieden und Völkerverständigung erinnere mich noch sehr genau. Und daran muss ich immer denken, wenn mal wieder ein Gedenktag stattfindet und ich das mit dem konkreten Handeln der Politiker vergleiche. Wir haben schon eine perverse Erinnerungskultur. Es wird nicht nur an Jahrestagen (wie Befreiung von Ausschwitz) gedacht, sondern Gedenktage der zweiten Generation gibt es auch. Vor wenigen Jahren feierte man "5 Jahre Holocaustmahnmal". Es wird vielen toten Juden gedacht, aber die lebenden Juden dürfen sich nicht verteidigen. Der Verdacht liegt nahe, dass den Deutschen die toten Juden wichtiger sind als die lebenden.

Ich war vor wenigen Jahren noch der Auffassung, Israelkritik ohne Antisemitismus gibt es. Mittlweile bin ich der Auffassung: Fast jeder Israelkritiker hegt in Wahrheit antisemitische Motive.

Samstag, 26. Juli 2014

Ich fühle mich zunehmend unwohler in diesem Lande

Ich möchte heute über etwas schreiben, das mich seit längerem sehr bedrückt und in einigen Beiträgen auch schon teilweise zur Ansprache kam. Ich fühle mich in diesem Lande sehr unwohl, weil Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Putinversteher immer lautstärker und ungenierter werden.

Zum Jahreswechsel 2000/2001 begann ich mich für Politik zu interessieren. Ich war 18 Jahre alt, begann dann auch schon mit der regelmäßigen Lektüre der ZEIT, die ich aber heute nicht mehr lese. Ich begann, mich zu informieren, nahm an Diskussionen im Internet teil, wo ich im Schutze der Anonymität viel Sinnvolles, aber auch einigen Unsinn verzapfen konnte. Ich übernahm auch ein damals gängiges Argument: Man müsse Israel kritisieren dürfen. Ich meinte es tatsächlich wortwörtlich, ohne Hintergedanken. Ich sah mich nie bedroht von einer Majorität, die mir die Israelkritik verbieten wollte. (Diese Attitüde habe ich mir anwachsen lassen.) Ich war damals noch der Auffassung, Israel hätte selbst sein Schärflein zur Eskalation der Konflikte beigetragen. Davon bin ich aber heute Gott sei Dank geheilt. Ich werde heute hellhörig, wenn jemand mit großem Gestus erzählt, man müsse Israel kritisieren dürfen, denn man darf das nicht wortwörtlich nehmen. Wortwörtlich genommen ist es eine Banalität, denn man kann jedes Land kritisieren. Niemand sagt aber, man müsse Frankreich oder Luxemburg kritisieren dürfen. Wer also sagt, Israel müsse man kritisieren dürfen, meint eigentlich, es gebe einen Druck von oben, dass Israelkritik zu unterbleiben habe und positioniert man sich im Märchenland der Antisemiten.

Während ich einen Reife-, Denk- und Bildungsprozess durchmachte, scheinen viele meiner Mitbürger in die Gegenrichtung marschiert zu sein. Antisemitismus und Antiamerikanismus haben erheblich zugenommen. Ich erinnere mich an die Fälle Möllemann und Hohmann. Walser war auch ein großes Thema, hat er doch in einem Roman einen jüdischen Literaturkritiker ermorden lassen. Die Antisemitismusdebatte wurde mit großer moralischer Verve geführt. Wenn ich das mit den Reaktionen auf Grass und Augstein vergleiche, dann empfinde ich das alles im Nachhinein irgendwie surreal.

Dass es in Deutschland Demonstrationen geben könnte, auf denen "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein." skandiert wird, hätte ich so nie erwartet. Die Antisemiten werden immer ungenierter. Die Medien sind auf dem linken Auge blind, da sie immer wieder den Antisemitismus im linken bis linksextremen Milieu herunterspielen. Lesen Sie dazu den Beitrag von Vera Lengsfeld. So ist es auch zu verstehen, dass Möllemann (FDP), Hohmann (CDU) und Walser (konservativ) hart angegangen wurden, während Grass (ehem. SPD) und Augstein (links) sofort einen Persilschein ausgestellt bekamen. Hohmann erzählte einmal in seinem Leben totalen Stuss und seine Karriere war im Eimer. Augstein sondert Woche für Woche (antisemitischen) Stuss ab und bekommt Beifall. Manchmal denke ich, im falschen Film zu sein, aber es ist traurigerweise die Realität.

Seit einem halben Jahr vernehme ich auch die zahlreichen putinfreundlichen Stimmen. Stalin hat seine Gegner so weit einschüchtern können, dass sie alles das glaubten, was man ihnen vorwarf. Die haben sich dann auch als aufrechte Stalinisten erhängen lassen, um Stalin den letzten Dienst zu erweisen. Putinversteher müssen von ganz besonderem Holz geschnitzt sein, glauben sie doch die russische Propaganda ohne Anwendung von Repression. Ich habe einen Kollegen, der glaubt, alles sei von den USA initiiert. Er ist Russlanddeutscher und kann natürlich im Gegensatz zu mir russische Medien verfolgen. Er kann aber auch westliche Medien konsultieren. Er glaubt den russischen; Medienkompetenz beweist er damit nicht gerade. Ich mag eigentlich keine politischen Diskussionen in der Firma, weshalb ich mich noch nicht zu abringen konnte, dagegen zu halten. Vielleicht sollte ich aber beim nächsten Male.

Im letzten Beitrag habe ich mich schon zu Dirk Müller geäußert. Dirk Müller ist nur die Spitze eines Eisberges. Er glaubt und repliziert jede Verschwörungstheorie. Er fragt immer nur, wem es nütze. Er gibt vor, Beweise zu haben, liefert sie aber nie. Ein Buch habe ich bereits von ihm gelesen. Es war sein erstes Buch und es fiel schon mit inhaltlichen und stilistischen Mängeln auf, mit Verschwörungstheorien und Andeutungen. Es ist geradezu skandalös, dass dieser Mann nach diesem Buch auch noch von den Medien hofiert wurde. Vom Bundestag wurde er auch konsultiert. Kritisiert wurde er erst für das dritte Buch ("Showdown"), seitdem ist seine Medienpräsenz stark gesunken. Ein schlichtes Gemüt wie Müller fasst das natürlich als Verschwörung gegen ihn auf. Der Umstand, dass er erst fast grenzenlose Zustimmung bekam, danach eine sehr große Ablehnung, mag verstärkend auf diesen Eindruck gewirkt haben. Bei Müller ist immer Amerika schuld. Laut Müller wurde der Irak-Krieg 2003 nicht wegen Öl geführt, (wie immer skandiert wurde,) sondern wegen des Dollars. Ich finde das noch hanebüchener als die Öl-Hypothese.

Während man über die Verschwörungstheorien wie der gefälschten Mondlandung noch lachen und Bilderberg-Theoretiker als Spinner abtun kann, halte ich Dirk Müller, AFD, Linkspartei und den antisemitischen Mob auf der Straße für sehr gefährlich. Das ist genau die Mischung, mit der die Nazis an die Macht kamen: Ein bisschen Stimmung gegen Kapitalismus und Geldwirtschaft, ein bisschen Stimmung gegen die "Systemmedien" (Siehe Punkt 3) und ganz viel Stimmung gegen Juden. Ich habe die Befürchtung, bei dass es jetzt nur noch einer Wirtschaftskrise bedarf und diese Leute kommen an die Macht.

So wie die Nazis in der Weimarer Republik Veranstaltungen der politischen Gegner sprengten, gegen die Demokratie und ihre Einrichtungen pöbelten und das mit einer Inbrunst, die vermeintlich verbotene Wahrheit zu vertreten, so verhalten sich Dirk Müller und Co. Schon die Proteste gegen S21 empfand ich als Anschlag auf die Demokratie. S21 kam ja nicht über Nacht, sondern wurde von langer Hand geplant und demokratisch beschlossen. Dennoch meinten die S21-Gegner, S21 sei undemokratisch entschieden worden und meinten, sie hätten Freifahrtsschein, um S21-Befürworter anzupöbeln. Und die S21-Gegner wurden von den Medien auch noch hofiert.

Ich finde auch die Bewertung des Palästina-Konfliktes in den deutschen Medien sehr einseitig. Kaum jemand weist darauf hin, dass wir auf der einen Seite einen demokratischen Rechtsstaat haben, der sich wehrt und die palästinensische Bevölkerung warnt, um zivile Opfer möglichst gering zu halten. Die Hamas dagegen schießt ohne Vorwarnung und sie investiert nichts in die Verteidigung der Zivilbevölkerung. Zivile Opfer der eigenen Seite werden nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern forciert, denn einen Krieg der Bilder können die Israelis nicht gewinnen. Während die Hamas Kinder als Opfer fotografisch festhalten und ausschlachten, verzichtet Israel darauf. Übrigens hat Israel tatsächlich weniger Opfer, weil Israel in den Schutz der eigenen Bevölkerung investiert, obwohl die Raketenangriffe der Hamas massiver sind als die israelische Reaktion. Und die Hamas forciert auch zivile Opfer der Gegenseite.

Ich verstehe nicht, wie man bei diesem Konflikt noch unparteiisch sein kann. Man muss, wenn man klar bei Verstand ist, an der Seite Israels stehen. Einen sehr guten Beitrag hat Claudio Casula geschrieben. Unterstreichen möchte ich auch jedes Wort von Gerd Buurmann, der als Folge seine Rede "freundliche" Anrufe irgendwelcher Antisemiten bekam.


Und was ich noch bedrückend finde: Ich schreibe regelmäßig Beiträge im SPON-Forum. Sobald ich meine pro-israelische Position ausdrücke, habe ich kaum Chancen auf Veröffentlichung. Und ich bin nicht der Einzige, der von der Unterdrückung pro-israelischer Stimmen berichten kann. Leider vergesse ich immer, Sicherheitskopien meiner Beiträge zu machen, bevor ich sie SPON überlasse. Ich könnte sonst dokumentieren, was alles in der Zensur hängenbleibt. Es wird eine Serie folgen, in der ich dokumentiere, was von mir bei SPON in der Zensur hängenblieb.

Montag, 21. Juli 2014

Dirk Müller - mal wieder

Gestern durfte ich mich mal wieder ärgern. Über Dirk Müller.  Hintergrund ist ein Artikel in der FAZ. Ich las ihn seinerzeit und fand ihn richtig, denn er traf ins Schwarze. Thema war der Konflikt in der Ukraine und Reaktionen der Leser. Im Artikel geht es auch um Müller:

Im Internet finden sich auch einfachere Deutungen der Vorgänge. Beispielhaft ist ein Video, das reißenden Absatz in sozialen Netzwerken fand: „Ukraine, was steckt wirklich hinter den Unruhen?“ Darin bewertet überraschenderweise Dirk Müller, der Börsenfachmann aus dem Fernsehen, die Lage in der Ukraine und die Weltpolitik an sich. Begründung: Was hier in Europa gemacht werde, das müsse man „wirklich mal fragen“. „Ein Teil unserer Medien“ führe schließlich eine „Gehirnwäsche“ durch, sagt Müller. Doch was eigentlich befähigt Müller zu Ukraine-Analysen?

Ich finde die Frage richtig: Was befähigt Dirk Müller? Die Frage darf man stellen, die Frage muss man stellen. Was befähigt eigentlich mich, mich zur Börse oder zur Politik zu äußern? Ich bin mir völlig im Klaren, dass ich ein Laie bin, aber ich trete nicht auf wie Herr Müller, der die absolute Wahrheit scheint gepachtet zu haben, hier ist seine Reaktion, die ich gestern auf Youtube gefunden habe:




Darin wertet er die Kritik bereits als Maulkorb. Dem Autoren wirft er unflätige Sachen an den Kopf, wie zum Beispiel: "Noch keine Haare am Sack, aber im Puff drängeln wollen." - Er verlangt von seinem Gegenüber Demut, aber wo ist seine?

Müller habe ich erstmals vor vier Jahren über die Medien wahrgenommen. Er sagte da noch vernünftige Sachen bzgl. Immobilien. Ihm scheint aber der Medienrummel über den Kopf gestiegen zu sein, verbreitet nur noch Verschwörungstheorien und pöbelt herum.

Und obwohl Müller nur Laie ist (er spricht meines Wissens noch nicht einmal Russisch), nimmt er sich ganz schön viel heraus. So ein Verhalten ist mir zuwider, denn schließlich äußere ich mich nie derartig respektlos. Noch nicht einmal in meinem Beruf. Ich bin Diplom-Informatiker und sicherlich ein überdurchschnittlich guter, dennoch würde ich mich nie derartig herablassend über meine Kollegen äußern, die nicht meine Wissbegier und meinen Fleiß teilen und entsprechend weniger können.

Ich halte Müller für recht gefährlich, schließlich hat er eine große Anhängerschaft, die sich von der Demokratie und den guten Sitten längst verabschiedet hat. Dass so ein Mann von unseren Parlamentariern konsultiert wurde, ist eine Beschädigung der Reputation des deutschen Parlamentarismus. Mich würde nicht wundern, wenn es bald die ersten antisemitischen Äußerungen von Müller gibt. Mit den zwei anderen Verschwörungstheoretikern Jürgen Elsässer ("Bin Laden war Agent der CIA") und Ken Jebsen ("Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat.") hat er schon regen Kontakt. Man kann es ergoogeln.

Dass Müller heute seltener in Talkshows eingeladen wird, hat gute Gründe. Wer so herumpöbelt, ist einfach nicht ernst zu nehmen. Da kann man auch gleich Schirinowski einladen. Müller ist kein Mann der Selbstreflektion und die zunehmende Ablehnung der Leitmedien interpretiert er als Verschwörung gegen sich. Müller ist narzistisch und paranoid.


Samstag, 12. Juli 2014

Stetige Arbeit lohnt sich - Fallbeispiel deutsche Nationalmannschaft

Viele junge Menschen schlagen den Ratschlag in den Wind, dass sich stetiges Lernen, Üben und Trainieren der Fähigkeiten lohnt. Im Zeitalter der Castingshows ist es schwer vermittelbar, dass Erfolg, Vermögen und Berühmtheit in der Regel auf harte Arbeit zurückzuführen ist. Dass sich aber harte Arbeit lohnt, zeigt die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft.

Ich bin 1994 zum Fußball gekommen; da begann ich mich ernsthaft dafür zu interessieren. Damals gab es eine WM in den USA und wurde ich infiziert. Die deutsche Nationalmannschaft ging als Titelverteidiger und haushoher Favorit in das Turnier. Das Spielermaterial war nach wie vor exzellent; man scheiterte aber an der eigenen Überheblichkeit und fehlender mannschaftlicher Geschlossenheit. Bei der EM 1996 war man schlechter aufgestellt, aber dafür war man ein Team und gewann das Turnier. Danach ging es aber deutlich bergab.

Ich kann mich erinnern, dass Berti Vogts schon Mitte der 1990er bemängelte, dass die Nachwuchsarbeit der deutschen Vereine zu schlecht sei und dass da wenig gute Spieler nachwachsen. Er hatte nicht ganz unrecht und ein Blick auf die Kader der verschiedenen Turniere demonstriert dies eindrucksvoll. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und die Daten aufbereitet. Zuerst ein kleines Diagramm, das die Entwicklung von Durchschnittsalter und Alter des jüngsten Spielers zeigt.

Wie man sieht, war das Durchschnittsalter bei der WM 1998 mit über 30 Jahren das höchste. Bemerkenswert finde ich auch, dass zwischen 1994 und 1998 das Alter des jüngsten Spielers gar nicht so weit niedriger als das Durchschnittsalter der Nationalmannschaft ab der WM 2010.

Die zugrundeliegenden Daten habe ich aus der Wikipedia. Hier ist die tabellarische Aufbereitung:

In der Tabelle sieht man es viel besser: Bei der EM 2012 war das Durchschnittsalter 25, bei der WM 1994 war Kahn mit 25 der jüngste Spieler. Bemerkenswert ist auch, dass ein Torwart der jüngste Spieler war.

Die Gründe sind vielfältig. Eigentlich hätten schon bei der WM 1994 die Jahrgänge 1970 bis 1975 zeigen sollen, was sie so können. Aber sie waren nicht stark genug. Berühmtere Spieler aus jenen fünf Jahren sind Mehmet Scholl, Dietmar Hamann, Markus Babbel, Christian Ziege und Bernd Schneider. Zu ihren besten Zeiten waren sie wertvolle Stützen der Nationalmannschaft, aber die grandiosen Spieler waren sie nie, auch wenn sie teilweise in England spielten oder die Champions League gewannen.

Die zweite Hälfte der 70er brachte Spieler wie Frings, Ballack und Klose hervor. Das war schon etwas höheres Niveau, aber auch die drei waren Spätzünder. Die Entdeckung Kloses war sogar glücklicher Zufall.

Das gute Abschneiden bei der WM 2002 kann man unter Glück verbuchen. Deutschland hatte keine schweren Gegner bis zum Finale. Die schlechten Vorstellungen bei den Turnieren von 1998 bis 2004 war die Konsequenz dafür, dass die deutschen Vereine die Jugendarbeit haben missen lassen.

Um das Jahr 2000 fingen die ersten Vereine an, die Jugend gezielt zu fördern und besondere Talente in Internaten unterzubringen. Meines Wissens ist es mittlerweile sogar schon verpflichtend für einen Erstligaverein, Nachwuchsarbeit mit allem drum und dran zu leisten. Die Früchte dieser Arbeit werden schon seit Jahren geerntet. Ein Titel sprang noch nicht heraus, aber dafür gute bis sehr gute Vorstellungen bei EMs und WMs. Und beim jetzigen Turnier zeigt die deutschen Nationalmannschaft wieder den besten Fußball. Sie schießt die meisten Tore, ist taktisch am besten geschult, die Physis ist gut, technisch ist es solide bis sehr gut. Niemand nimmt mehr das Wort Rumpelfußball in den Mund. Für mich hat die deutsche Nationalmannschaft die höchste Qualität aller Nationalmannschaften. Wenn sich da einer verletzt, wird er adequat ersetzt. Gomez, Reus und Gündogan werden kaum vermisst.

Die Quintessenz dieses Artikels ist, dass sich stetige Arbeit auszahlt. Die Investitionen haben sich bei der Jugendarbeit kaum innerhalb der ersten vier Jahre bezahlt gemacht, aber innerhalb von zehn Jahren schon. Das ist zufällig auch die Mindestzeitspanne um Aktien zu halten. Profitiert von der Nachwuchsarbeit hat der gesamte deutsche Fußball mit seinen Vereinen. Nicht nur die Nationalmannschaft ist besser, sondern die Vereine sind es auch. Sie sind auch wirtschaftlich gesund, weil die Jugendabteilungen einen Millionenspieler nach dem anderen ausspucken. Das, was der deutsche Fußball in den letzten 15 Jahren durchgemacht hat, sollte man auf die eigene Person ummünzen. Investieren Sie stetig in Aktien und Bildung, verbessern Sie Ihre Fähigkeiten. Weniger Party und Konsum, dafür mehr Arbeit und Investition. Geht dann nicht der Spaß am Leben verloren? Nein! Fragen Sie mal Jugendliche, die gerade vom Fußballtraining kommen, ob es denn Spaß gemacht habe. In der Regel antworten sie ja, denn es macht auch Spaß, genauso wie man als Informatiker Spaß daran hat, eine neue Programmiersprache auszuprobieren, also seine Fähigkeiten zu erweitern.

Und ich freue mich auch schon auf das morgige Finale. Es macht einfach Spaß, diesen Jungs beim Fußballspielen zuzusehen. Und dass mit Toni Kroos ein Spieler aus meiner Heimat drauf und dran ist, bester Spieler des Turniers zu werden, freut mich ganz besonders. Und ebenso freue ich mich für Miroslav Klose, den alten Mann im Team. Warum? Er hat allen bewiesen, dass harte Arbeit sich lohnt, selbst wenn man nicht der Talentierteste ist und dass es nie zu spät ist. Unter jedem Radar der Jugendscouts ist er durchgeschlüpft. Er hat nie ein Spiel für die U-Nationalmannschaften gemacht. Und dennoch hat er es allen gezeigt. Er wollte unbedingt einen Salto können und er trainierte ihn, bis er diesen konnte. In den Anfangsjahren hatte er vor allem ein gutes Kopfballspiel. Dass er noch mehr kann, hat er auch allen gezeigt, durch stetiges Training und er macht Tore mit links wie mit rechts. Und durch pflegliche Behandlung seines Körpers zeigt er allen, dass er mit 36 Jahren immer noch mithalten kann. Ich erinnere mich an eine Szene, als er beim algerischen Konter im eigenen Strafraum aushalf, dabei hatte er als Sturmspitze den weitesten Weg zurückzulegen. Super.