Sonntag, 24. Januar 2016

Sapere aude

Seit die Menschen nicht mehr an
Gott glauben, glauben sie nicht
an nichts, sondern
allen möglichen Unsinn.
(Gilbert Keith Chesterton)

Ich kann mir schon denken, wie der Finanzwesir im nächsten Wochenrückblick meinen Artikel erwähnt: "Couponschneider wettert wieder gegen Daytrader". Ja, das tue ich. "Ich habe keine andere Wahl, ich muss.", um es mit Geert von Innstetten zu sagen.

Youtube schlägt mir immer Videos von Koko Petkov vor. Ich finde ihn zum Schreien komisch. Er wedelt mit Bündeln von Geldscheinen in die Kamera, er protzt mit schicken Autos und mit fetten Wohnungen. Und wenn mir langweilig ist, schaue ich mir das an.

Im Dezember hat er dem Youtube-Publikum seine Wohnung in Düsseldorf gezeigt. Nun ist er nach Dubai umgezogen. Vor sieben Monaten residierte er noch in einem ganz anderen Büro, was weder dem in seiner Düsseldorfer Wohnung noch der neuen in Dubai entspricht. Vor drei Jahren sah sein privates Büro noch anders aus.

Ist er glaubwürdig? Ich finde nicht. Er verspricht viel und er kokettiert damit, dass er nun in Dubai lebe und 100000 € Miete pro Jahr zahle. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er das aus seinen laufenden Einnahmen finanziert. Seine Seminare bringen sicherlich nicht so viel. Angenommen, er würde 1000 € pro Seminarteilnehmer und Sitzungstag verdienen (Gewinn, nicht Umsatz), dann bräuchte er alleine schon 200 Seminaristen, um auf 200000 € pro Jahr zu kommen. Davon muss er noch einmal Steuern abziehen und von dem Rest muss er die Wohnung in Dubai und seinen Mercedes finanzieren. 200 Teilnehmer im Jahr bedeuten  alle zwei Tage einen Teilnehmer oder 1 pro Arbeitstag (40 Wochen à 5 Tage).
Selbst wenn die Seminaristen keine ganztägige Einzelbetreuung bekommen, schafft er das nicht, immerhin tummelte er sich während des Jahres auch noch auf dem Jakobsweg herum. Damit kann er nicht so viel Geld verdienen, es sei denn, er nimmt seine Seminaristen hinterrücks aus, indem er Strategie A empfiehlt, selber aber vom Hinterzimmer aus mit Strategie B dagegenhält und den Seminaristen einredet, das passiere jedem Anfänger, sie hätten nun "wertvolle Erfahrungen" gesammelt und "Lehrgeld" gezahlt. Daytrading halte ich für ausgemachten Unsinn und ich bezweifle einfach, dass er damit genug Geld verdient. Ich denke, er lebt von der Substanz, denn er hatte ja mal in Autohaus in Berlin, was er aufgab. Er betrieb "Imperial Cars" in der Dovestraße 5.

Die Felix-Krullsche Steigerung von Koko Petkov dürfte Tobias Knebel sein. Noch keine 18 Jahre alt, redet er schon daher, als wäre er der große Kenner, der große Daytrader. Er trägt in Videos immer eine Rolex; ich habe gelesen, es seien Imitate. Er unterhält gleich zwei Youtube-Kanäle: Einen fürs Daytrading, den anderen für "Lifestyle". Geliefert werden Bilder von Rolex-Uhren, Sportwagen, Strand und Palmen. Man sieht ihn auch beim Bahnfahren. Er fährt aber zweite Klasse. Hat er denn keine Angst, dass ihm die Unterschichtler in der zweiten Klasse die Rolex abziehen? Schade finde ich ein wenig, dass man keine Bikini-Schönheiten sieht. Jeff Paul wusste, wie man es richtig macht. Ein Interview wurde auch schon mit ihm geführt. Er plant sogar, eine eigene Modemarke einzuführen. Beckham hatte seine eigene Serie, CR7 hat eine Unterwäsche-Linie und nun kommt Tobias Knebel. Darauf hat die Welt nur gewartet.

Über Knebel erfuhr ich von der Existenz einer Seite mit einem "Tradingrechner". Ich musste staunen, was man da ausrechnen kann. Vollkommen irrsinnige 1,5 % Rendite pro Tag sind da voreingetragen. Da aber auch 500 € Kapitalentnahme pro Tag voreingetragen sind und die Vorausrechnung nur für 20 Tage gilt, fällt einem nicht so schnell auf, wie unrealistisch das Rechenbeispiel insgesamt  ist. Wer dann unbedarft ist, lacht sich erstmal schlapp über "nur 1,5 %" und trägt für sich was höheres ein. Kann das klappen mit den 1,5 % pro Tag? Nein, denn nach spätestens drei Jahren wäre man bei 10000 € Startkapital 29 Milliarden € schwer. Man wäre in der Forbes-Liste  ziemlich weit vorne. Ich kenne aber keinen Daytrader in der Forbes-Liste.




Was hat das nun mit dem Eingangszitat zu tun? Ich registriere mit Besorgnis, dass Menschen diesen Unsinn auch noch glauben. Koko Petkov hat Fans und die finden es "unglaublich motivierend", Koko in Dubai oder Mercedes Coupé zu sehen. Ich sehe keinen qualitativen Unterschied zwischen Daytradern, Wünschelrutengängern, Baubiologen, Homöopathen und Leuten, die bei Mondlicht Kuhhörner vergraben und dies Wissenschaft nennen. Ein Werterelativismus macht sich breit. Dort, wo Zweifeln angebracht ist, zweifelt man nicht und dort, wo zweifeln unangebracht ist, wird unheimlich relativiert und es werden Verschwörungstheorien ersponnen.


Als ich mal Petkov als unglaubwürdig hinstellte, wurde ich kritisiert von jemanden, der "unvoreingenommen" an das Thema Daytrading rangehen wollte. Wie unvoreingenommen kann es sein, dann auf meine kritischen Einwände gar nicht einzugehen? Henryk M. Broder bekundete schon vor 14 Jahren, dass er jegliche Kommunikation mit jemanden einstelle, der den Begriff "ergebnisoffene Diskussion" nutzt. Früher konnte ich darüber nur lachen, heute weiß, was er meinte. Eine "ergebnisoffene Diskussion" ist nie ergebnisoffen, wenn man sie als ergebnisoffen ankündigt. Genausowenig wie jemand unvereingenommen ist, der damit hausieren geht, sich unvoreingenommen mit dem Daytrading beschäftigen will.

Mangelnde Kritik am Daytrading wird dann kompensiert durch übermäßige Kritik an Berichten westlicher Medien, z. B. über Nordkorea. Eine Pseudokritik mit der Begründung, der Westen betreibe auch Propaganda. Die Nordkoreaner betreiben zwar Konzentrationslager, aber bei uns würde ein Gustl Mollath in die Psychatrie gesteckt: "So viel besser sind wir auch nicht."

Natürlich muss man alles anzweifeln können, denn endgültig gesichertes Wissen gibt es nicht. Ich möchte aber auf die Erkenntnistheorie verweisen. Wir haben Theorien, die wir nicht verifizieren können, aber wir können versuchen, sie zu falsifizieren. Und wenn Falsifikationsversuche immer wieder unternommen werden und immer wieder scheitern (z. B. Einsteinsche Relativitätstheorie, das P-NP-Problem in der Komplexitätstheorie), dann ist die Erkenntnis vielleicht nicht gesichert, aber doch sehr gut erhärtet. Und wer sich dann gegen die gut erhärtete Theorie stellt, muss sehr, sehr gute Argumente habe. Es gibt momentan keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die Relativitätstheorie stimmt, dass P≠NP und dass die Erde eine Kugel ist.

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Wie realistisch sind die Versprechungen, die uns Koko Petkov und Tobias Knebel machen? Welchen Grund hat es, wenn der Daytrader-Rechner mit derart unrealistischen Zahlen vorausgefüllt ist? Nähmen wir eine Beispielrechnung für eine Sofortrentenversicherung ernst, in der 120 Jahre als Sterbealter eingetragen wäre? Gegen die Daytrader spricht, dass niemand so erfolgreich ist, dass er es in die Forbes-Liste geschafft hat.


Mittwoch, 20. Januar 2016

Nachhaltige Geldanlagen

Meine politische Biographie scheint seltsam zu sein, ist sie doch gespickt mit ein paar netten kleinen Widersprüchen. Ich war immer jemand, der sich für Umweltschutz interessierte, auch für Ressourcenverbrauch. Das ging aber nie soweit, dass ich dogmatisch war. Ich schrieb auf grauem Recycling-Papier, ich schraubte Energiesparlampen in die Fassungen, ich habe bis heute noch nie ein Auto besessen, aber dennoch war ich immer für die Nutzung der Kernenergie, der Nutzung der Gentechnik und ich bin auch fürs Fracking. Das liegt daran, weil ich die Chancen sehe und nicht nur Risiken. Die Grünen habe ich noch nie gewählt.

Bei vielen grünen Dogmatikern scheint es anders zu sein. Man lebt auf großem Fuß, mit dicker Karosserie, man schreibt auf hellweißem Papier, selbst wenn es nur eine persönliche Notiz oder ein Einkaufszettel ist ("grau ist peinlich"), aber man ist gegen Gentechnik, gegen die Nutzung der Kernenergie und natürlich gegen das Fracking.

Andere Überzeugungen haben sich bei mir erst bilden müssen. So stand ich der Solarenergie anfangs positiv bis neutral gegebenüber, aber seit mindestens fünf Jahren sehe ich sie sehr kritisch. Ich sehe die Verwerfungen im Stromnetz und auf meiner Stromrechnung. 2015 sind 25 Milliarden Euro über das EEG umverteilt worden.

Ich kaufte mir vor kurzen eine Provinzpostille. Normalerweise lese ich FAZ, aber manchmal möchte ich auch was lesen, was meinen persönlichen Überzeugungen zuwiderläuft. Das ist wichtig für die geistige Hygiene. Würde ich nur im eigenen Saft schmoren und Bestätigung suchen, dann wäre ich nicht besser die oben erwähnten Dogmatiker. Vielleicht erhoffe ich mir sogar insgeheim, dass ich die eine oder andere interessante Information bei der Lektüre der Provinzpostille erhalte, z. B. eine Investmentidee.

Der Wirtschaftsteil hatte an dem Tag den Aufmacher: "Investieren und Gutes tun". Man argumentierte zuerst mit dem sinkenden Rentenniveau,um zu begründen, warum man überhaupt investieren sollte. Mit Besorgnis wurden die sinkenden Neuabschlüsse bei den Riesterrenten erwähnt. Eigentlich logisch, denn die Neuabschlüsse pro Jahr können nicht von Jahr zu Jahr weiterwachsen. Dies als negatives Zeichen zu sehen, ist alles andere als durchdacht. Ich sehe Riester sogar negativ, weil viel zu bürokratisch.


Die Werbetrommel rührte man für das Projekt "Gut fürs Geld, gut fürs Klima" und der Zertifizierung von "Ökofonds". Was mir besonders aufstieß: Man war offenbar der Auffassung, das "ethisch-ökologische Investmentsfonds" nicht in Waffen, Kernenergie, Gentechnik, Erdöl und "weitere kritische Geschäftsfelder" investieren dürfen.

Und da war mir klar: Da gings um Dogmatik und festgefügte Weltbilder. Woanders las ich, in BASF zu investieren, sei unethisch, weil die eine Gentechniksparte haben. Was ethisch oder was unethisch ist, ist eine Jahrtausende alte Diskussion. Und oft ist die Antwort weder schwarz noch weiß. Wer kann mit Entschiedenheit sagen, dass die Herstellung von Waffen zur Verteidigung unethisch ist? Die Pazifismus-Bewegung streitet darüber seit über 100 Jahren. Ist die Diskussion denn nun endlich zu aller Zufriedenheit beendet worden? Das habe ich nicht mitbekommen. Wann war das? Irgendwann zwischen Plasberg am Montag und Illner am Donnerstag?

Bei der Gentechnik sehe ich die dogmatische Haltung viel kritischer. Anders als bei den Waffen, deren Funktionsprinzip jeder versteht, wird die Diskussion bei der Gentechnik sehr einseitig geführt. Warum es unethisch sein soll, eine neue Weizensorte durch Gentechnik zu schaffen, eine Weizensorte mit den gleichen Eigenschaften durch konventionielle Züchtung geschaffen aber nicht? Wenn jemand nicht bei Lockheed Martin investiert sein möchte, kann ich das gut verstehen, machen die doch ihr Geld ausschließlich mit Waffen. BASF als "unethisch" einzustufen, weil die eine Gentechniksparte haben, ist dogmatisch. Das ist wie mit der katholischen Kirche, die Investitionen in jene Pharmafirmen ablehnt, weil die Firma auch Präservative herstellt. Unternehmen, die Milliarden in die Krebs-, HIV--und Malaria-Forschung stecken, gelten als "unethisch", nur weil sie einen kleinen Umsatz im Millionenbereich mit Präservativen machen?

Der Dogmatismus mag Grundlage für solche Gedankengänge sein, aber es ist zeitgeistiges Mitläufertum, das dann auch zu solchen "ethischen Fonds" führt. Da sitzen Leute in den Banken, die sich Lieschen Müllers und Max Mustermanns Denkfaulheit zunutze machen wollen. Wer macht sich schon die Mühe, sich eigene Gedanken über Gentechnik zu machen? Es sind nicht alles Leser der "Achse des Guten". Viele lesen "Bunte", "Freundin" oder eine Provinzpostille. Und in der vor mir liegenden Provinzpostille wird gar nichts hinterfragt. Man tut so, als sei die Diskussion, was ethisch und was unethisch, abgeschlossen. Unkritisch sieht man dann diese Fonds.

Was heißt das für mich als Investor? Es ist nicht nur nicht empfehlenswert, nach vermeintlich ethischen Gesichtspunkten zu investieren, es ist sogar abzuraten. Mit Hinweisen auf Umweltschutz, Klimaschutz und Pazifismus würde man nonchalant jede kritische Anmerkung zu schlechten Geschäftszahlen vom Tisch wischen. Manche Investoren würden das sogar mitmachen. Ich erinnere an die Prokon-Fans, die selbst nach der Prokon-Insolvenz überzeugt waren, Prokons Konzept wäre toll, nur schlecht ausgeführt. Das wiederum erinnert auch an den Sozialismus und seine Jünger.

Für mich muss ein Unternehmen eine Zukunft haben, d.h. ein tragfähiges Geschäftsmodell. Viele "Ökofirmen" haben kein tragfähiges Geschäftsmodell. Sie haben oft genug gezeigt, dass sie trotz Milliardensubventionen, immer noch reihenweise pleite gehen. Vor wenigen Jahren waren es die deutschen Solarfirmen.

Als Investor wäre ich ja angewiesen auf gute Informationen in den Medien. Wenn sich die Schreiber aber nicht der Wahrheit und der Aufklärung verpflichten fühlen, sondern dem guten grünen Gewissen, dann kann ich nicht erwarten, dass ich seriöse Informationen bekomme. Der besagte Zeitungartikel bestätigt diese Befürchtung.

Ich würde sogar dahin gehen und konträr zum grünen Zeitgeist investieren, d.h. Öl und Gas, Gentechnik, Fracking, konventionelle Landwirtschaft und Kernenergie. Das sind alles Dinge, die brauchen bzw. gebrauchen können. Und über die einfachen, essentiellen Dinge hat sich der grüne Snob schon immer die Nase gerümpft.

Mittwoch, 13. Januar 2016

Unwort des Jahres: Immer wieder ein Ärgernis.

Ich bekenne mich dazu, dass ich von den bislang gewählten Unwörtern des Jahres nicht viel halte. Dass "Gutmensch" zum "Unwort des Jahres" gekürt wurde, hatte sich ja seit Jahren angekündigt. Ich verstehe es nicht, da es deutlich negativere Titulierungen gibt. Zudem finde ich die Begründung geradezu lächerlich,denn angeblich diffamiere der Begriff „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischen Imperialismus“.

Ich halte es verkehrt, da noch niemand einen hilfsbereiten Menschen als Gutmensch bezeichnet hat, es sei denn, man hält Claudia Roth und Christian Ströbele für hilfsbereite Menschen. Das sind typische Gutmenschen. Ströbele beispielsweise fordert Toleranz für Graffiti-Sprayer, für RAF-Terroristen und für jugendliche Gewalttäter "mit Migrationshintergrund". Er meint auch, man solle sich nicht so haben, wenn am 1. Mai in Kreuzberg der eigene Mittelklassewagen in Flammen aufgeht. Wenn es gegen ihn oder seine Frau Gewalt verübt wird, dann lässt er auch schon mal einen 13-jährigen verklagen. Von uns aber verlangt er, wir sollen die gewaltverherrlichende und frauenverachtende Einstellung vieler junger Araber einfach so hinnehmen, wahrscheinlich als kulturelle Bereicherung. Er geriert sich häufig als guter Mensch, der Sorgen um den Weltfrieden hat, dann auch schon mal Israel kritisiert, wenn es beschossen wird, da der Weltfrieden gefährdet sei, wenn Israel weiter provoziere. Der Allgemeinheit hat er nie einen Dienst erwiesen. Keine Umgehungstraße, keine Steuersenkung, keine Wissenschaftsförderung. Ströbele ist Gutmensch par excellence. Für Leute wie ihn ist das Schimpfwort gemacht.

Einen guten Artikel gibt es auch auf der Achse des Guten. Mir gefallen die Analogie zum Besserwisser und der Ausflug in die französische Sprache, wo es das Wort "bonhomme" gibt.

Weil dort Professoren in der Jury sitzen, sollte man annehmen, dass die das sprachliche Handwerk draufhaben. Offenbar nicht, denn es hapert ja schon mit der Interpretation des Wortes "Gutmensch". Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass die ihre Unfähigkeit bewiesen haben. Das Wort "Humankapital" wurde auch schon zum Unwort. Die linken Scheuklappen waren erkennbar und offenbar wollte man lieber Politik machen, anstatt sich einfach an die Bedeutung des Wortes Kapital zu halten. Humankapital ist von seinen Verwendern sehr positiv gemeint.


Weitere Beispiele sind "Sozialverträgliches Frühableben" und "Tätervolk". Das "sozialverträgliche Frühableben" wurde von Karsten Vilmar, dem damaligen Vorsitzenden der Bundesärztekammer, benutzt. Er sagte wörtlich: „Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann, oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen. [...] Wird diese Reform so fortgesetzt, dann wird das die zwangsläufige Folge sein.“ - Man muss schon sehr große ideologische Scheuklappen haben, um die Ironie und die Intention des Sprechers nicht zu verstehen. Ich fand einen alten Welt-Artikel und war überrascht, dass vor 17 Jahren meine Gedanken so ähnlich formuliert waren.


Vollkommen entblödete man sich bei der Wahl von "Tätervolk" zum "Unwort des Jahres", eine Reaktion auf die Rede Martin Hohmanns. Er sagte:

"Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. [...] Daher sind weder „die Deutschen“, noch „die Juden“ ein Tätervolk. Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts."

Hohmann sagte, dass man zu den Juden Tätervolk sagen müsse, wie zu den Deutschen oder man soll beides sein lassen. Das muss man inhaltlich kritisieren, denn ein paar Juden in der Tscheka machen aus den Verbrechen der Kommunisten keine Verbrechen im Namen des jüdischen Volkes durch einen mehrheitlich jüdischen Staat. Hitler dagegen war vom deutschen Volk gewählt. Das sind zwei verschiedene Sachverhalte, die Hohmann gleichsetzt, seinen Antisemitismus ungewollt offenbart und deutsche Verbrechen relativiert. Ich finde den Begriff "Tätervolk" nicht verkehrt, wenn es stimmt ja in Bezug auf die Deutschen und ihren jüdischen Opfern. Auch das Verhältnis zwischen den Türken und Armeniern ist ein Verhältnis zwischen einem Täter- und Opfervolk. Es heißt ja nicht, was Individuen des Tätervolkes, nicht gute Menschen sein können. So wie es Deutsche gab, die Juden retteten, so gab es auch Türken, die aus Mitmenschlichkeit Armeniern das Leben retten.

Die Jury aber schoss sich auf den Begriff "Tätervolk" ein und kritisierte diesen wegen des "Kollektivschuldvorwurfs". Damit war man unbemerkt auf derselben Wellenlänge Hohmanns. (Oder vielleicht sogar bewusst?) Im Grunde gab man ein erbärmliches Bild ab, denn man war nicht fähig, eine banale Rede intellektuell zu begreifen, noch war man fähig, eine Begründung für die Wahl des Unwortes zu formulieren, die sich nicht geschichtsrevisionistisch anhört. Hohmann hat die Wahl und Begründung sogar als Zustimmung verstanden. Eine solche Pointe denkt sich niemand aus; sie muss passieren.

Ich wage eine Prognose: In den nächsten Jahren wird der Begriff "Dumm-Michel" zum "Unwort des Jahres" gekürt werden. Ein Wort, dass ich selber gelegentlich verwende und auch schon in Finanzforen gelesen habe, um die Deutschen und ihr typisches Anlegeverhalten aufs Korn zu nehmen. Bemüht man Google nach "Dumm-Michel", kommt man zu Oliver Janich (einem Sektierer der "Partei der Vernunft") und auch zu der NPD. Wenn der erste namhafte Politiker diesen Begriff verwendet, dann würde man ihn schelten, einen Begriff der Rechtsradikalen verwendet zu haben. Das kann noch heiter werden.

Ich frage mich, wann man endlich den Begriff "sozial schwach" geißelt, der  "finanzschwach" ersetzt hat. Da gäbe es sofort meine Zustimmung und das, obwohl ich nicht links bin. Ich wäre auch dafür, den Begriff "asozial" zu geißeln. Ich fand es mehr als merkwürdig, als Joachim Gauck diesen Begriff vor wenigen Jahren verwendete, obwohl er um die Historie dieses Begriffes wissen müsste. Und es ist nicht nur die Historie, sondern der kollektivistische Trugschluss bzw. die kollektivistische Perversion, dass jemand, der am Rand der Gesellschaft lebt, die Gesellschaft schädigt. Würde man die Begriffe "sozial schwach" und "asozial" aufspießen, dann hätte man eine interessante Diskussion, weil diese Wörter von vielen Menschen sehr unbedacht verwendet werden, in allen politischen Lagern und in allen gesellschaftlichen Milieus. Aber man konzentriert sich ja mehr auf Wörter, die einmalig fallen. "Betriebsratsverseucht" beispielsweise wurde einmalig verwendet und schwupp wurde es schon zum Unwort. "Sozialverträgliches Frühableben" wurde genauso einmalig verwendet und dann auch noch ironisch.

Ein weiterer Begriff, den man aufspießen könnte, wäre der "Mensch mit Migrationshintergrund". Wortwörtlich genommen umfasst er alle Migranten und alle hier Geborene, mit Migranten als Eltern, ob mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Aber praktisch sind damit nur arabisch- und türkischstämmige Menschen gemeint, um spezifische Probleme dieser Minoritäten als allgemeine migrantische Probleme herunterzuspielen oder um Statistiken zu frisieren.

Dienstag, 5. Januar 2016

Das Jahr ist noch so jung...

und schon sind die ersten Dividenden eingetrudelt. Beim Jahresabschluss vergaß ich den üblichen Report, was meine Dividendenentwicklung anbelangt. Ein Kollege sagte mal, die Dividenden wären nicht entscheidend; den großen Wurf mache man mit Kursentwicklungen. Dahinter steckt natürich die Illusion, mit einem kurz- bis mittelfristigen Zock das große Geld zu machen. Ich habe auch den einen oder anderen Zock hinter mir.

Aber das kann man nicht vorhersehen bzw. abschätzen. Eine langfristige Prognose ist oft leichter als eine kurzfristige. Ich weiß nicht, ob es morgen kälter oder wärmer als heute ist. Für die nächsten sieben Tage sind derartige Prognosen stark dem Zufall unterworfen. Was ich aber weiß: In einem halben Jahr ist es zu 99,9 % wärmer als heute.

Daher fühle ich mich mit langfristigen Investments besser und die Dividenden sind entscheidend. Umso mehr Dividenden, umso schneller habe ich das Geld für die nächste Investition zusammen. Und ich spüre es heute schon im Portemonnaie.

Zuerst die Entwicklung über die Jahre:

Es ging nur behäbig los; die Jahre 2009/10 waren meine Anfangsjahre. Ich war noch unschlüssig, was ich überhaupt machen soll und ich hatte auch weniger Geld. Aber die über 800 € netto im Jahr 2011 fixten mich so richtig an, sodass meine Spar- und Investitionsbemühungen nach 2011 so richtig an Fahrt aufnahmen. Ich habe auch noch ein anderes Diagramm. Die kumulierte Summe zum Zeitpunkt t:

Da ich meine Dividenden reinvestiere, wird es noch steiler nach oben gehen. Man sieht natürlich auch Buckel im Mai; das sind vor allem meine deutschen
Aktien. Ich halte nichts davon, nur Quartals- und Monatszahler ins Depot zu legen.

Legt man den gegenwärtigen Kurswert an, dann bekomme 4 % Dividendenrendite. Das ist seltsamerweise der Wert, den ich seit Jahren auch für Beispielrechnungen verwende. Damit kann man schon ein wenig prognostizieren. Wenn ich heute ein Depot von 140000 € habe und in zwei Jahren vielleicht eines von 200000 €, dann werde ich 8000 € brutto an Dividenden in die Scheune fahren, wenn ich die 4 % annehme. Dass mein Depot-Wert im Januar 2018 ca. 200000 € beträgt, ist sogar wahrscheinlich, wenn man einfach mal annimmt, dass ich die gleiche Investitionsleistung wie in den letzten beiden Jahren hinbekomme. Wenn es einen nachhaltigen Börseneinbruch geben sollte, dann natürlich nicht.



Freitag, 1. Januar 2016

Langfristiges Sparen lohnt sich - Am Beispiel der Telekom

Ich möchte heute aufzeigen, dass sich das langfristige Sparen lohnt. Ich habe bewusst ein gebeuteltes Unternehmen als Beispiel gewählt: die Telekom. Denn immer wieder heißt es: "Damals bei der Telekom wurden alle nach Strich und Faden verarscht." Stimmt das denn wirklich? Ich bin der Meinung, auch die Telekom ist ein werthaltiges Unternehmen, das eine essentielle Dienstleistung anbietet. Ich würde die Telekom nicht kaufen, weil ich wenig von der Branche halte und auch wenig vom Großaktionär in Berlin, der Dividenden aus Unternehmen saugt, die das Unternehmen eigentlich gar nicht stemmen kann. Aber lesen Sie und bilden Sie sich auch ein Urteil.

Die Telekom machte mehrere Krisen durch:
  • Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000
  • 11. September und damit einhergehende allgemeine Depression
  • Die Finanzkrise 2008/9
Meine  Zahlen habe ich von Yahoo Finance ab dem Jahr 2000. Leider reicht das nicht weiter  zurück. Und ich begutachte zwei Szenarien: Die Dividenden werden reinvestiert oder nicht. Steuern und Gebühren fallen dezent unter den Tisch. Es ist auch möglich, Bruchteile der Telekom-Aktie zu erwerben.

Angenommen habe ich, dass jemand Monat für Monat 50 € in die Telekom investiert und das seit dem Jahr 2000. Was hat sich daraus entwickelt knapp 16 Jahre später?

Der Nichtthesaurierer hätte heute 759 Telekom-Aktien im Gesamtwert von 13281,56 €. Er hätte dafür gerade mal 9600 € selber ausgegeben. Während der Sparphase hätte er auch noch 3228,88 € an Dividenden kassiert. Das Investment ist 38 % in Plus. Das heißt, er kann heute verkaufen und bekommt noch einmal einen ordentlichen Batzen Geld. Er kann aber das Sparen einstellen und die Aktien weiter halten. Angenommen, die Telekom zahlt 2016 wieder 50 Cent pro Aktie. 379,50 € wären ihm sicher im kommenden Jahr und alles spräche dafür, dass er Jahr für Jahr mindestens 379,50 € bekäme, da man von Dividendensteigerungen ausgehen müsste.

Der Thesaurierer hätte sogar 1158 Aktien im Gesamtwert von 20271,64 €. An Dividenden hätte er unterwegs sogar 4148,05 € in die Scheune gebracht. Aber die hat er immer sofort reinvestiert, weshalb seine aufgewendeten Mittel 13198,05 € betragen (9600 € + 4148,05 €). Und das Interessante ist: Sein Plus liegt sogar bei 53,6 %.

Wie kann das sein? Der Thesaurierer hat seine Dividenden über lange Zeit reinvestiert und die Dividenden waren schon dick genug, als die Finanzkrise kam. Günstige Einkaufspreise lagen vor ihm. Der Thesaurierer hat über die 16 Jahre 11,39 € pro Aktie bezahlt; der Nichtthesaurierer 12,65 €. Ohne Vorsatz hat der Thesaurierer ein bisschen antizyklisch gehandelt.

Dass der Thesaurierer hier also besonders gut abschnitt, lag auch am gewählten Zeitraum mit der Finanzkrise. Und wie man den Diagrammen entnehmen kann, musste man etwas Sitzfleisch mitbringen, denn einige Jahre hinkte der Wert des Investments den investierten Mitteln hinterher. Die Dividenden halfen sicherlich dabei, die Füße still zu halten.




Die Berechnungen liegen sowohl als Excel- als auch als LibreOffice-Calc-Mappe vor. Ich erhoffe mir von meinem Beitrag verschiedenes:

  1. Werbung für langfristiges Denken bei der Aktienanlage und für mehr Durchhaltevermögen.
  2. Bewusstsein schärfen, welche Rolle das Reinvestieren von Dividenden und die zeitliche Diversifikation spielen.
  3. Ein bisschen Verbreitung für finanzmathematisches Wissen und Anwenderwissen für Tabellenkalkulation. Vielleicht lernt ja jemand etwas neues, wenn er die Tabellen studiert. Man kann ja schnell eigene Tabellen hochziehen und bestimmte Aktien analysieren.
  4. Ankämpfen möchte ich auch gegen die Mär, dass die Telekom-Aktie eine Verliereraktie wäre. Ich habe diese Aktie nicht, ich würde sie mir auch nicht kaufen. Wer zu Höchstkursen einmalig einkauft und jammert, ist einfach selber schuld. Immer wieder muss die Telekom-Aktie beispielhaft dafür herhalten, dass Aktien etwas gefährliches wären. Ich habe aufzeigen können, dass sich das Geschäft doch gelohnt hat, wenn man es so macht, wie es Buy-and-Hold-Gurus à la Tim Schäfer immer wieder predigen. Mit anderen Aktien aus anderen Branchen Gepäck sähe das richtig weit besser aus. Statt einmal 50 € Monat hätte man vielleicht 6 mal 50 € pro Monat gespart. Diversifikation über sechs Unternehmen und über die Zeit... So ein Sparplan wäre weit besser abgegangen als der Underperformer Telekom alleine.