Donnerstag, 31. März 2016

"Ich habe eingezahlt."

Gestern erhielt ich von der Rentenversicherung meine persönliche Renteninformation. 72529,40 € wurden eingezahlt. Sollte ich ab heute selbständig werden und nicht mehr einzahlen, dann bekäme ich ab 01.02.2049 sage und schreibe 333,71 € pro Monat.

Das ist ein guter Witz, dabei ist der erste April erst morgen. Ich weiß, die Rentenversicherung verteilt die Gelder nur um, da wird nie etwas erwirtschaftet. Im Gegenteil: Die ganze Verwaltung kostet massig Geld.

Ich vergleiche das mal mit meinem Aktiendepot. Das warf in den letzten zwölf Monaten 445 € monatlich an Dividenden ab, also ohne dass ich an die Substanz musste. Sicherlich wurde für das Depot mehr Geld aufgewand. Es ist zwar momentan 150000 € wert, aber tatsächlich aus dem Gehalt berappt wurden nur 110000 €. Der Rest sind Kurssteigerungen, reinvestierte Dividenden und auch reinvestierte Gewinnmitnahmen.

Aber es gibt noch einen Unterschied: Die Dividenden erhalte ich ja schon heute, die Rente erst 2049. Zinst man die 333,71 € um 2 % jährlich ab, bleiben 173,61 € übrig. Das Aktiendepot ist zudem vererber, die Rente kann allenfalls noch als Witwen- und Waisenrente weiterfungieren, ansonsten ist das Geld weg.

Da sieht man doch, was für ein Schrottsystem das ist. Da wird nichts werthaltiges aufgebaut. Die Gelder werden sofort verfrühstückt, einerseits für Rentner, andererseits für die Verwalter. Da sind mehr als 62000 Mitarbeiter am Start. 73 Millionen Versicherte sind bei der Rentenversicherung erfasst. 220 Arbeitstage hat das Jahr.  73.000.000 / 220 Tage / 62000 Mitarbeiter = 5,35 Vorgänge pro Tag und Miarbeiter. Aber nur, wenn jeder Versicherte genau einmal im Jahr einen Vorgang auslöst. Aber das passiert ja nicht. Die Renteninformation ist doch voll automatisiert rausgeschickt worden. Und solange ich keine Rente beantrage, muss auch kein Mensch meinen Fall bearbeiten. Bei den Altersrentnern wird auch nicht mehr viel bearbeitet. Da läuft die Rente nach erstmaliger Beantragung. Bei Waisen und Halbwaisen sieht die Sache schon wieder anders aus. Ein mir bekannter Fall muss alle sechs Monate eine Immatrikulationsbescheinung einreichen, um seine Halbwaisenrente zu bekommen. Und was passiert bei Arbeitsplatzwechseln? Ich bin mir sicher, die Personalabteilungen vieler Firmen übermitteln die Sachen auch elektronisch. Da kann der Rentenversicherungsbeamte weiter dösen.

Die Sache stinkt doch gewaltig, finden Sie nicht? Und nun steht die nächste Rentenerhöhung ins Haus: 5 % soll es ab ersten Juli geben. Wir zahlen uns dumm und dämlich für eine Generation der Brandt- und Blüm-Wähler.  Und weil man ja so großes Mitleid mit diesen Leuten hat, hat sich die Politik so tolle Sachen ausgedacht wie den Mieterschutz. Der bevorteilt die Altmieter und übervorteilt die Neumieter, weil letztere das Gros der Erhöhungen tragen dürfen. Zugegeben, ich profitiere momentan selber davon, weil ich nun fünf Jahre in der selben Wohnung lebe und der Vermieter die Kaltmiete noch nicht erhöht hat.

Man hätte den Menschen schon in den 80ern reinen Wein einschenken sollen, dass sie privat vorsorgen müssen und zwar in Aktien. Die staatliche Rente kann nie als Vollkaskoversicherung dienen. Dazu war sie zu Bismarcks Zeiten nie konzipiert worden. Um zu erkennen, dass man das Renteneintrittsalter erhöhen muss, wenn die Lebenserwartung steigt, reicht "Volksschule Sauerland", wie Franz Müntefering mal sagte.

Man stelle sich vor, ich bekäme heute die 72500 € einfach ausbezahlt. Ich würde das in Aktien investieren. Dann hätte ich 223.000 € in Aktien. Dividende im Jahr bei 4 %: 8920 € jährlich bzw. 743 € monatlich. Ich gehe immer von 8 % Gesamtrendite aus (d.h. Kursgewinne + Dividenden). Wenn die Dividenden immer schön reinvestiert würden, hätte ich in zehn Jahren 481.440 € und wäre damit finanziell abgesichert, bräuchte keine Altersrente, niemals Hartz IV. Ich würde aber weiter arbeiten wollen und so etwas zum Wohlstand der Gesellschaft beitragen. Mit einem stärkeren finanziellen Hintergrund könnte ich mehr spenden, ich könnte auch in Teilzeit wechseln und ein Ehrenamt ausfüllen (was ich übrigens heute schon mache). Man sogar noch beherzter sparen: Die 223.000 € werden nicht angetastet, stattdessen packt man jedes Jahr noch einmal 12.000 € dazu. Dann hätte man schon nach fünf Jahren 403.660 €. Nach zehn Jahren sogar 669185 €.

Unsere Vollkasko-Mentalität hindert uns daran. Vollkasko heißt: Man verballert sein komplettes Nettogehalt. Man spart allenfalls fürs Auto oder betreibt betreutes Sparen für das Haus. Der Nannystaat mit Kündigungsschutz, Mieterschutz, Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung sorgt dafür, dass der Einzelne sich nicht um seine Finanzen kümmern muss, umso ungehemmter kann er sein Gehalt verballern. Sollten dennoch mal ein paar zehntausend Euro auf dem Konto liegen, wenn man Rentner wird, wird das Geld nicht angerührt, sondern gejammert, dass die Nettorente nicht reichen würde, dass das laufende Einkommen alle Ausgaben abdecken muss.

Dem Land gänge ohne diese Vollkaskomentalität besser. Und was ist mit denen, die nicht so viel Geld verdienen? Ganz einfach: Wenn der Staat die Mittelschicht endlich in Ruhe machen ließe, denn Leute, die nicht auf den Kopf gefallen sind, können sich auch selber um ihr Zeug kümmern, dann blieben umso mehr Ressourcen (d.h. Zeit und Geld) für die übrig, die wirklich staatliche Hilfe benötigen.


Der typische Satz des Neidmichels ist: "Der hat aber nie eingezahlt." - Wenn ich diesen Satz höre, könnte ich an die Decke gehen. Wird häufig über Beamte gesagt. Man möchte am liebsten antworten. "Der bekommt aber auch nichts raus." Der pensionierte Beamte bekommt nichts aus der Rentenkasse. "Der hat aber nie eingezahlt.", ist das Symptom einer gespaltenen Gesellschaft. Der Verteilungskampf hat begonnen und die Freunde des Verballerns haben Angst um ihre Rente. Man zeigt dann auch kein Mitgefühl, beispielsweise gegenüber jenen unseligen Kreaturen, die in jungen Jahren auf die schiefe Bahn gerieten (Drogen, Schulden, Kinder). Selbst denen wird der Vorwurf gemacht, dass sie ja nie eingezahlt hätten. Wie denn auch? Es sollte aber die dringlichste Aufgabe des Staates sein, sich um diese Leute zu kümmern und nicht um bierbäuchige Rentner.

Sogar die Linkspartei hat sich damals bei der Einführung von Hartz IV entblödet, es könne nicht angehen, dass jemand, der jahrelang gearbeitet und "eingezahlt" hätte, plötzlich genauso viel bekäme wie jemand, der nie eingezahlt hätte. Der Linkspartei sind die Wählerstimmen wichtiger als jedes soziale Anliegen. Und es gibt nunmal mehr bierbäuchige Rentner als junge alleinerziehende Mütter.

Dienstag, 22. März 2016

Wer hat noch den kleinen Rücksetzer genutzt?

Das Jahr begann bei mir mit einem Depotwert von 139000 €. Das sackte zwischenzeitlich ab auf 125000 €. Kräftig nachgekauft habe ich: Etwas mehr als 10000 € investierte ich bereits in diesem Jahr. Ich möchte zu zuerst zeigen, wie sich mein Depot seit Januar entwickelt hat:


Das ging rasant nach unten und der Tiefpunkt waren die 124000 € am 11.02. Da ich kein Markettiming betreibe, mache ich mir wenig Gedanken darüber, ob der Investitionszeitpunkt gut oder nicht gut ist. Das weiß man sowieso erst hinterher.

Am 04.01. investierte ich 2088 € in Aktie A und 1269 € in Aktie B. (Ich anonymisiere die Titel.) Jetzt in der Retrospektive ist es leicht, diese beiden Investitionen als schlecht hinzustellen, aber am 04.01. wusste ich ja nichts, was mir noch bevorstand. Außerdem waren beiden Aktien zum 04.01. schon günstig. Aktie A mit 4,9 % Dividendenrendite, Aktien B mit 5,7 % Dividendenrendite. Hinter A und B stecken gestandene Unternehmen aus essentiellen Branchen, die es zur Zeit etwas schwierig haben. Ich bereue die Käufe (beides Nachkäufe) nicht. Aktie A gab es auch zu einem exzellenten KGV von 8,8. (Bezogen auf konservativ geschätzte Werte für Dividende pro Aktie und Gewinn pro Aktie.) Immerhin hat Aktie A nach meinem Kauf die Dividende um stattliche 27 % erhöht.

Am 01.02., nachdem die Börsen schon stark eingebrochen waren, investierte ich wieder, diesmal 2398 € in Aktie C. Hinter C verbirgt sich ein Weltmarktführer, Dividendenrendite zum Zeitpunkt des Kaufes betrug 4,8 %, KGV 12,2. Aktie C kaufte ich am 24.02. noch einmal, weil der Kurs von C noch einmal absackte. Dividendenrendite zu diesem Zeitpunkt war 5 %, KGV 11,8. Am 10.03. der nächste Kauf: 2231,10 € in Aktie D. KGV einstellig, Dividendenrendite bei 3,6 %.

Die Kurse von A und B sind noch unter dem Kaufpreis vom 04.01. Die Kurse von C und D haben sich bestens entwickelt. In beiden Investitionen in C sind mit 13 % im Plus, die Investition in D immerhin noch 7 % im Plus.


Mittlerweile steht das gesamte Depot bei ca. 145000 €. Ich bin guter Dinge, dass sich das schnell nach oben entwickeln wird, auch wenn es nicht gut ist, da günstige Nachkäufe besser sind. Ich kann leider optimale Zeitpunkte schlecht abwarten. Man weiß erst hinterher, wann die  Zeitpunkte optimal sind. Wenn man regelmäßig investiert, dann erwischt man aber auch denen einen oder anderen guten Zeitpunkt. Insbesondere das Investment in Aktie C am 24.02. fiel auf ein 12-Monatstief.

Im März werde ich nicht mehr investieren, mangels Cash. Aber das nächste Gehalt kommt bald und die nächsten Dividenden auch. Die Dividenden werden auch immer stattlicher. Im März gab es schon 126,65 € an Dividenden. Geschätzte 276 € werden noch dazukommen. Also geschätzte 400 € im März, im April voraussichtlich um die 500 €, im Wonnemonat Mai sogar geschätzte 2367 € und im Juni auch noch einmal 900 €. (Alles brutto.) Dadurch, dass die Dividenden Jahr für Jahr steigen, ergibt sich nun häufiger die Möglichkeit, zu investieren. Durch die vielen Quartalszahler verteilt sich es sich besser über das Jahr. Ich stelle eine stärkere Dynamik bei mir fest. Vor fünf Jahren war die Dividendensaison im Juni zu Ende und musste Käufe komplett aus meinem Gehalt bezahlen. Nun ist aber das Gehalt seitdem um einiges gestiegen, die Dividenden auch und nun kann ich praktisch in jedem Monat 2000 € investieren.

Ideen für die nächsten Investitionen sind schon da, da die Preise immer noch gut sind. Die Aktien A, B, C und D finde ich immer noch als günstig bis fair bewertet. Verkauft habe ich in diesem Zeitraum nichts. Mich würde interessieren: Hat der Leser auch die Zeit für Aktienkäufe genutzt?

Montag, 21. März 2016

O Captain!

Erschüttert war ich am Freitag, als ich die Nachricht über den Tod Guido Westerwelles vernahm. Er prägte mich in meinem Denken und alles begann, als er 2001 Parteivorsitzender wurde. Das war die Zeit, als ich begann, mich für Politik zu interessieren. Die politischen Theorien waren mir im Groben bekannt und ich konnte mich weder für den Sozialismus bzw. für die Sozialdemokratie noch für konservative Denkschulen erwärmen. Fortan beschäftigte ich mich mit dem Liberalismus und mit der FDP. Die Wiesbadener Grundsätze von 1997 sind heute noch modern und aktuell. Ich zitiere den Punkt 6 ("Arbeitnehmer als Teilhaber des Betriebes") aus den Wiesbadenern Grundsätzen:

Arbeit macht einen wesentlichen Teil des Lebens und unserer Identität aus. Wer Teilhabe der Arbeitnehmer ausschließlich als Mitbestimmung durch Funktionäre versteht, wird der Zukunft
nicht gerecht. Mitarbeiter sollen zu Mitunternehmern werden. Dem Recht auf Privateigentum unserer marktwirtschaftlichen Grundordnung wird durch die geringe Eigentumsquote in der
Realität in vielen Bereichen nicht entsprochen. Insbesondere bei der Beteiligung am Produktivvermögen liegen Zukunftschancen brach.

Die große Schere zwischen Brutto- und Nettolohn verhindert Eigentumserwerb und private Eigenvorsorge. Geringes Eigenkapital gefährdet Betriebe, und flächendeckende Tarifverträge nehmen den Spielraum für eine betriebsnahe Lohnfindung.

Mitarbeiterbeteiligungen am Produktivvermögen können dagegen Bündnisse für Arbeit in den Betrieben sein. Sie überwinden die Trennung von Arbeit und Kapital und machen aus Arbeitnehmern Mitunternehmer, aus Lohnabhängigen Teilhaber. Mitarbeiter als Miteigentümer des Unternehmens haben mehr Einflußmöglichkeiten im Betrieb. 
Mitarbeiterbeteiligungen schaffen motivierte Beschäftigte und mehr Arbeitszeitsouveränität, die sich am Erfolg des Unternehmens ausrichtet. Sie unterstützen die private Altersvorsorge und lenken Kapital in die Betriebe, in denen Arbeitsplätze gesichert oder geschaffen werden können. [...] 
Der Staat muß den Spielraum von Arbeitnehmern und Unternehmern für Mitarbeiterbeteiligungen vergrößern. Zu hohe Steuern und Abgaben verzehren die Chancen der privaten Vermögensbildung. Gerade angesichts schwindender Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Altersversicherung kommt der privaten Vermögensbildung wachsende Bedeutung zu. Deswegen ist eine Netto-Entlastung bei Steuern und Abgaben Voraussetzung für eine breitere Streuung des Produktivvermögens. [...]

Statt Volkseigentum wollen Liberale ein Volk von Eigentümern. Die Chance auf Eigentum motiviert zur Leistung, schafft soziale Sicherheit, fördert Verantwortungsbereitschaft. Sie ist Voraussetzung für eine neue Wagniskultur und eine neue Kultur der Selbständigkeit. Weder Staatswirtschaft noch Machtwirtschaft sind mit dem liberalen Wirtschaftmodell vereinbar. Die liberale Wirtschaftsordnung ist eine Wirtschaft von Teilhabern.
Ich habe ein paar Abschnitte weggelassen und ich muss sagen, dass es mir recht schwer fiel, zu filtern, denn in jedem Absatz steckt ein kluger Gedanke, den ich teile. Das Thema Arbeitnehmerbeteiligung ist erschreckend aktuell und nur die Formatierung der Zwischenüberschriften erinnert an die Neunziger.

Weil ich mich mit damit beschäftigte, empfand ich Guido Westerwelle niemals als den "kaltherzigen Neoliberalen", als der er immer dargestellt wurde. Für mich war Neoliberalismus auch mehr Verheißung als Bedrohung. Ich empfand das Thema Steuersenkung auch nicht als ein exklusives Interesse der Gutverdiener. "Mehr Netto vom Brutto" war nicht schnöde, sondern diente einem ganz bestimmten Zweck: Vermögensbildung. Deshalb habe ich es dick hervorgehoben, genauso den Satz: "Statt Volkseigentum wollen Liberale ein Volk von Eigentümern." Über zehn Jahre lang konnte man diesen Satz in Guidos Reden immer wieder hören.

Dieses liberale Wertekorsett (Freiheit, Eigentum, Verantwortung) führte mich schnurstracks zum Aktiensparen. Captain Guido wies den Weg, hatte er doch als Generalsekretär maßgeblich an der Gestaltung der Wiesbadener Grundsätze mitgearbeitet.

Ich bin zwar nicht Mitglied in der FDP, aber ich wählte sie seit 2002 immer. Der Spott und die Häme, die die FDP und insbesondere Guido ("Leichtmatrose") einstecken mussten, empfand ich immer als sehr unfair, denn wenn man sich eingehender mit dem FDP-Programm beschäftigte, hätte man doch erkennen können, dass es der FDP um alle Bürger ging und auch für die Armen eine Perspektive bot. Ich kam ja selber aus einem Niedrigverdienerhaushalt und habe als mittelloser Student die FDP gewählt. Meine Überzeugungen waren mir wichtiger als das Interesse, keine Studiengebühren zahlen zu müssen.

Nun ist er verschieden. O Captain! my Captain! your fearful trip is done. Die deutsche Gesellschaft aber hat noch einen schmerzvollen Weg vor sich. Deutsche Unternehmen haben im internationalen Vergleich zu geringe Eigenkapitalquoten. Vielleicht ist es auch falsch, von deutschen Unternehmen zu sprechen, denn viele DAX-Unternehmen gehören mehrheitlich ausländischen Investoren. Der Weg, den die deutsche Gesellschaft beschreiten muss, besteht aus Sparsamkeit und Investitionen. Das heißt Entbehrungen: Weniger McDonald's, weniger Daddelspiele, weniger Fernsehen und weniger Nobelkarossen. Viel zu viel Geld steckt immer noch in Zinsanlagen wie den Kapitallebensversicherungen und diese Verträge basieren vor allem auf Staatsanleihen. Mit anderen Worten: Das Geld geht an verantwortungslose Schuldner, die das Geld für Konsum ausgeben, denn Politiker wollen wiedergewählt werden. Wir wären heute viel weiter, wenn die Wiesbadener Grundsätze stärkeren Anklang gefunden hätten.

Donnerstag, 3. März 2016

Flatrate fürs Handy und Garantieprodukte der Banken

Haben Sie eine Flatrate für Ihr Mobiltelefon? Zum Telefonieren? Haben Sie sich das genau durchgerechnet? Kürzlich kam mir ein Analogie, die ich den Lesern meines Blogs ungern vorenthalten möchte. Das Entscheiden für die Telefonflatrate hat die gleiche Ursache wie die Entscheidung für Garantieprodukte. Es ist das Sicherheitsdenken.

Bei einer Telefonflatrate bezahlt man einen Pauschalpreis und kann unendlich viel innerhalb des deutschen Fest- und Mobilfunknetzes telefonieren. Die Idee ist, es den Vieltelefonierern schmackhaft zu machen, weil die befürchten, bei Minutenpreisen viel mehr zu bezahlen. Die Flatrate ist sozusagen ein "Garantieprodukt", aber zugunsten der Telefongesellschaft und in der Regel zu Lasten des Kunden.

Bei Garantieprodukten der Finanzwirtschaft (z. B. einer Kapitallebensversicherung) gibt's eine Garantie auf sehr bescheidenen Niveau. Und der Kunde unterzeichnet, weil er eine irrationale Angst vor dem Auf und Ab der Börse hat.

Gucken wir uns doch mal zwei Tarife an. Bei Base gibt's einen Tarif namens "Simfinity". Der kostet 24,90 € Grundgebühr und man kann in Deutschland so viel telefonieren, wie man will. Der übliche Prepaid-Tarif beträgt 9 Cent pro Minute. Von 24,90 € kann an 276 Minuten telefonieren. Das wären 4:36 h am Stück bei prepaid oder jeden Tag 9 Minuten. Ich telefoniere weniger als 9 Minuten am Tag. Und man muss auch berücksichtigen. Nur weil man telefoniert, hat man nicht zwangsläufiger selber angerufen. Man kann auch angerufen worden sein.  Wer verteilt über den Tag 18 Minuten telefoniert, kommt vielleicht auf die 9 Minuten, für die man selber löhnen muss.

Für Vieltelefonierer gibt es immer noch andere Möglichkeiten, wie z. B. Skype, IP-Telefonie und das klassische Festnetz. Aber Moment, da ist ja noch die Internet-Flatrate drin, mögen einige einwenden. Ja, das ist richtig, aber die ist nur deshalb drin, um das Angebot intransparent und unvergleichbar zu machen. Außerdem ist es keine echte Flatrate, sondern begrenzt.

Ich erinnere mich eine Begebenheit von vor zehn Jahren. Ein Kommilitone schrieb mir per SMS und fragte, ob der Coupie denn zum Kicken komme. Ich sagte zu, per SMS. Darauf bekam ich wieder eine SMS, bei der ich mir dachte: Da hätte er anrufen können. Wäre viel einfacher gewesen.

Warum wohl hat er für eine komplexe Frage, für die man sich den Finger wund tippt, eine SMS geschrieben? Er hatte einen O2-Vertrag mit mindestens 100 Frei-SMS und das diktierte ihm unterschwellig, wie er seinen Vertrag zu nutzen habe.

Telefonie ist ein Echtzeitdienst. Internet und SMS sind es nicht. Letztere zu bereitzustellen ist sehr billig aus Sicht des Anbieters. Niemand bekommt es mit und protestiert, wenn eine SMS fünf Sekunden später angekommen ist. Bei einem IP-Paket ist es nicht anders. Telefonie aber beansprucht enorme Ressourcen, was erst dann abgemindert sein wird, wenn IP-Telefonie übers Mobiltelefon Standard wird. Aber IP-Telefonie wäre ein Echtzeitdienst innerhalb des IP-Protokolls. Die Sprachpakete würden entsprechend markiert und mit Priorität abgearbeitet. Deshalb ist es für den Anbieter recht billig, Tarife mit Frei-SMS und Internet aufzubrezeln. Ansonsten muss man darüber davon ausgehen, dass viele Menschen mit einem klassischen Minutentarif günstiger dran wären.

Ich habe ein Smartphone, aber keinen Vertrag, sondern nutze nur Prepaid. Ich vertelefoniere knapp 30 € im Jahr. Wenn ich Internet benötige sollte, bestelle ich es mir einfach dazu für ein oder zwei Monate. Das ist auf längeren Wanderungen ganz nett. Smartphone mit GPS, Internet für Kartenmaterial, schon spart man sich das Navigationsgerät oder lästige Karten, die später nur in der Schublade vor sich hin schimmeln.

Aber im Alltag brauche ich kein Internet auf dem Smartphone. In meiner Wohnung habe WLAN, aber auch ein Tablett. Und unterwegs auf längeren Reisen lese ich lieber eine Zeitung oder ein Buch. Um fünf Minuten in der Straßenbahn ein wenig zu im Internet zu surfen, dafür ist mir das Geld einfach zu schade.

Bei den Telefonflatrates zahlen die Leute drauf, um gegen die Unwägbarkeit abgesichert zu sein, dass sie in einem Monat exorbitant viel telefonieren müssen und Kosten verursachen. Bei den Garantieprodukten unserer Finanzbranche zahlt man kräftig drauf, weil man sich vor Kurseinbrüchen an der Börse fürchtet. Die gleiche psychologische Ursache ist dafür verantwortlich.

Mit ein bisschen Cash, einem langem Atem und einen halbwegs sicheren Job sollte man lieber dieses geringe Risiko eingehen, mal in einem Monat 70 € fürs Telefonieren über Smartphone zu bezahlen, in vielen anderen Monaten nur 10 € (11 * 10 € + 70 € = 180 € im Jahr), statt immer nur 30 € (360 € im Jahr) pauschal. Und gehen Sie am besten auch an die Börse. Wenn Sie 180 € weniger fürs Telefonieren bezahlen müssen, haben Sie noch etwas mehr Invesititionsspielraum.