Donnerstag, 27. Juli 2017

Die "rechtswidrige" Besatzung der Golanhöhen

Immer wieder muss ich lesen, Israel sei Besatzer. Wovon eigentlich? Aus Gaza ist Israel schon lange raus, Cisjordanien ist ein umstrittenes Gebiet. Es war mal besetzt, als Jordanien dort einfiel und Israel vertrieb diese jordanischen Besatzer. Aber heute soll es um die Golanhöhen gehen, denn die sind tatsächlich besetzt. Ausschlaggebend für meinen heutigen Artikel war die Äußerung eines Foristen bei "WELT Online":
Wollen wir mal hoffen das sie nicht mal verurteilt werden für etwas was ein anderer getan hat. Wer ein Gebiet rechtswidrig besetzt hält spielt dort mit dem Feuer. Aber ich verstehe man ist sofort antisemit wenn man nicht pro Israel eingestellt ist.

Ich sehe kritisch, dass er von einer rechtswidrigen Besatzung spricht. Die Besatzung ist eine Folge des Sechstagekrieg von 1967. Formell gesehen war der Sechstagekrieg ein Angriff Israels, aber nicht zum Zwecke der Landgewinnung. Es war ein Präventivschlag gegen Syrien, Ägypten und Jordanien. Diese drei Länder hatten ihre Streitkräfte hochgerüstet und in Stellung gebracht. Hätte Israel nicht diesen Präventivschlag vollzogen, es wäre vernichtet worden. Ich wüsste keinen Präventivschlag aus der Geschichte, der rechtlich und moralisch so sauber zu bewerten ist.

Es wurde der Sinai erobert und als Faustpfand war der Sinai sehr nützlich, um Ägypten einen Friedensvertrag abzutrotzen. Eine andere Eroberung waren die Golanhöhen. Die sind militärstrategisch wichtig. Syriens Artillerie nutzte die Golanhöhen, um Israel zu beschießen.

Der Status quo der Golanhöhen ist seit dem Sechstagekrieg unverändert. Eine Rückgabe sehe ich nicht als zwingend notwendig an. Entscheidend ist meines Erachtens, was die dortige Bevölkerung will und wer verantwortungsvoller mit dem Land umgeht. Eindeutig Israel. Zwingend notwendig für eine Rückgabe an Syrien ist aber ein Frieden zwischen Israel und Syrien. Momentan befinden sich beide Parteien immer noch im Kriegszustand. Im regulären Krieg eine Besatzung als rechtswidrig zu deklarieren, ist unlogisch, weil die Besatzung innerhalb eines Krieges, ein rechtmäßiger Zustand ist.

Ein weiteres Problem ist, dass Syrien Israel nicht anerkennt und nicht bereit ist, mit Israel zu verhandeln. Dass die Golanhöhen von Israel besetzt sind, ist eine logische Folge syrischer Außenpolitik. Nun sind die Golanhöhen schon so lange in israelischer Hand, dass ein Zurückdrehen, selbst wenn es zum Frieden zwischen Syrien und Israel kommen sollte, schwer sein dürfte. Das wäre ein Verbrechen gegen die dort ansässige Bevölkerung. Die meisten dortigen Drusen werden lieber israelische Staatsbürger als syrische sein.

Ist der Kommentator ein Antisemit? Ich denke schon. Er misst mit zweierlei Maß, er verkennt die Situation, warum die Golanhöhen besetzt wurden (gewiss nicht aus Bosheit und Gebietsgewinnung, denn Israel hätte bis Damaskus durchmarschieren können, was sie nicht machten) und er begibt sich die Opferrolle, wonach alle Kritiker Israels des Antisemitismus verdächtigt werden.

Sonntag, 23. Juli 2017

Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus

Wir leben im antirassistischen Zeitalter. Es gibt "Aufstehen gegen Rassismus", "Internationale Woche gegen Rassismus", "Gemeinsam gegen Rassismus", "Stiftung gegen Rassismus", "Klappe gegen Rassismus", "Amnesty gegen Rassismus", "Wein gegen Rassismus","Aktiv gegen Rassismus" und "Schule gegen Rassismus". Ich habe den Eindruck, dass man möglichst häufig irgendwo das Etikett "gegen Rassismus" draufpappen will, um den schönen Schein zu wahren und um einer ernsthaften Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Es erinnert mich immer mehr an den offiziellen Antifaschismus der DDR, der es nicht vermochte, dem Fremdenhass und dem zunehmenden Rechtsextremismus in der DDR der 80er etwas entgegenzusetzen.

Meine Haltung gegen diese ganzen Maßnahmen erhielt die entscheidende Wende, als in Berlin ein jüdischer Junge eine Schule verlassen musste, weil seine muslimischen Mitschüler ihm das Leben zur Hölle machten. Diese Schule war auch bei der Initiative "Schule gegen Rassismus" dabei. In meinem Wohnort passiere ich auch regelmäßig zwei verschiedene Schulgelände, aber erst nach dem Vorfall in Berlin sind mir die angebrachten schwarz-weißen Schilder aufgefallen. Und irgendwie war ich angewidert, denn die Schule in Berlin hat sich hinter ihrem Schild zu verstecken versucht. Genauso auch die Elternvertretung. Mit anderen Worten: Man wollte den Vorfall so klein wie möglich halten, was ich mich wiederum an einen 15 Jahre alten Vorfall erinnert, als man das Offensichtliche nicht sehen wollte: Glatzköpfige Dumpfbacken jagten eine Gruppe Inder durch die Gassen, aber statt von einem fremdenfeindlichen Angriff sprach man von einer "Wirtshausschlägerei".

Neben dieser ernsthaften Auseinandersetzung mit tatsächlichen Problemen, stört mich noch einiges.

1. Antisemitismus wird immer als eine Spielart des Rassismus abgetan. Ich sehe das anders und ich will begründen. Laut Adorno ist der Antisemitismus das "Gerücht über die Juden", also weit mehr als ein Hass gegen die Juden. Der Rassismus gegen die Schwarzen beinhaltete vor allem die These, die Schwarzen seien minderwertig. Das Gleiche galt gegenüber den Zigeunern. Aber niemand kam auf die Idee, von den "Negern an der Wallstreet" zu sprechen, die alle Fäden in der Hand hätten. Wo sitzen Zigeuner in den Hinterzimmern? Den Juden dagegen unterstellt man dagegen, stets und ständig konspirativ aus Hinterzimmern heraus zu handeln, zu Lasten der restlichen Menschheit. Als am 11. September 2001 die Anschläge auf das World Trade Center vollzogen wurden, dauerte es nicht lange, bis die ersten Verschwörungstheorien auf dem Tisch lagen: Die Juden waren es. Wer auch sonst? Angeblich gab es nicht in einen Juden in den Türmen. Sicherlich stimmt das nicht, aber eher wahrscheinlich ist doch, dass nicht ein einziger Sinti an dem Tag in einen der Hochhäuser arbeitete. Dass sich niemand diese Frage stellt, ist der Grund, warum der Antisemitismus kein Rassismus unter verschiedenen Rassismen sein kann. Und warum soll eine jüdische Weltverschwörung die Anschläge planen und durchführen, aber die Juden vorwarnen, die da arbeiten? Es gibt Verschwörungtheoretiker, die den Rothschilds und der jüdischen Weltverschwörung unterstellen, dass sie Hitler unterstützt hätten, finanziell wie ideell, um hinterher Deutschland jahrzehntelang etwas vorhalten zu können. Ist das nicht verrückt? Man wirft der jüdischen Weltverschwörung beides vor: Einerseits ausschließlich die Juden aus dem WTC vorgewarnt zu haben, andererseits aber hätte sie millionenfachen Mord an den europäischen Juden gebilligt. Der Antisemit wirft dem Juden alles vor, auch das Gegenteil.

Dass Antisemitismus nicht nur ein Rassismus unter vielen ist, sondern eine krankhafte Welterklärungtheorie, die jede Verantwortung einer jeden Unbill den Juden zuschiebt, geht einfach unter.

2. Die Gleichsetzung von Antisemitismus und Hass gegen Muslime finde ich fatal. Islamophobie sei der Antisemitismus von heute, musste ich kürzlich irgendwo lesen. Was Antisemitismus ist, habe ich gerade geklärt. Animositäten gegen Moslems gibt's, aber anders als in den 90ern sehe ich den nicht gesellschaftlich relevant. Problematisch ist dabei, dass man den arabischen und türkischen Zuwandern, die ja meistens islamischen Glaubens sind, eine bequeme Opferrolle anbietet, in die sie gerne schlüpfen. Damit hilft man diesen Menschen nicht. Der türkische Schüler wird sich nicht mit berechtigter Kritik auseinandersetzen, sondern sofort den Vorwurf "Nazi" oder "Rassist" absondern. Eine ängstliche Lehrerschaft und Gesellschaft gibt es dann irgendwann auf, einen verzogenen Jungtürken den Kopf zu waschen.

3. Ich mag auch den Begriff Islamophobie nicht. Er wurde von Ajatollah Khomeini in die Welt gesetzt. Ich komme damit nicht klar, weil eine Phobie eine irrationale Angst ist. Was ist aber, wenn jemand ganz rationale und begründete Ängste gegen die Islamisierung hat? Mit einem Etikett wie Islamophobie wird jede Angst gegen Islamisierung in den Bereich der Irrationalität verwiesen, zusammen mit der Arachnophobie. Da gibt's ja Therapeuten, die setzen ihren Patienten Vogelspinnen auf den Arm. Ob Islamophobie auch so einfach heilbar ist? Die Patientinnen probieren einen Niqab an und schon sind sie geheilt? Ich sehe den Islam mit seinem politischen und gesellschaftlichen Anspruch als höchst problematisch an, der die gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zunichte machen könnte. Ich habe keine Phobie, sondern eine berechtigte Angst.

4. Ich mag die obigen Organisationen auch nicht, weil sie neben der bisher geschilderten Substanzlosigkeit einen bedeutenden Fehler machen: Sie konzentrieren sich auf den Rassismus der autochtonen Bevölkerung, was sogleich als "rechts" gebrandmarkt wird. Dass Araber und Türken rassistisch sein können, wird schön unter den Teppich gekehrt, sowohl gegen Juden als auch gegen Kurden. Und letztendlich ist auch ein linker Rassismus Manifest geworden: Menschen aus dem türkischen und arabischen Raum wird die Verantwortung für ihr Denken und Handeln vorenthalten, die Opferrolle dürfen sie aber immer ausfüllen.

Die ganzen Antirassismuskampagnen dienen heute vor allem der Manifestation der Opferrolle von Muslimen. Anstatt sich mit einem Phänomen wie Antisemitismus auseinanderzusetzen, fließen Gelder und Energie in Antirassismuskampagnen und dann wird so getan, man tue etwas gegen Antisemitismus. Tatsächlich aber wird Zeit und Geld nur dafür aufgewandt, Muslime als Opfer der Gesellschaft zu präsentieren. Das schafft nebenbei auch noch Arbeitsplätze. Schaut man sich die Seite https://www.aufstehen-gegen-rassismus.de/ genauer an, wird man feststellen, dass es sich eigentlich nur um die AfD dreht. Am 5. Dezember geht's auch um Trump, der als "autoritärer Rassist und Sexist" bezeichnet wird. Den Vogel abgeschossen hat der Beitrag vom 22. Dezember. In Berlin kaperte ein islamischer Terrorist ein Lkw und raste in einen Berliner Weihnachtsmarkt. Aber die Antirassisten haben nur Angst davor, dass die AfD die Vorfall für sich nutzen könnte. Man solle den Generalverdacht nicht zulassen.

Ich bin der Auffassung, man müsse mittlerweile einen Generalverdacht erheben. Jeder, der aus dem arabischen Raum kommt, ob als Asylsuchender oder als anderer Einwanderer, muss darauf abgeklopft werden, wie zum Islam steht, wie er zum Staate Israel steht, wie zur Apostasie und zur Homosexualität. Wenn wir das nicht machen, dann machen wir den wirklich Schutzbedürftigen das Leben in Deutschland zur Hölle. Mitunter werden heute Syrer unterschiedlicher Bürgerkriegsparteien in die selben Flüchtlingsheime gesperrt.

Den ganzen Veranstaltungen gegen Rassismus sollte man skeptisch begegnen.

Sonntag, 2. Juli 2017

Deutschland im Antisemitismusstreit

Deutschland ist mittendrin in der Antisemitismusdebatte. Wer sich im Dunstkreis von "Achse des Guten", "Tapfer im Nirgendwo" oder auch "Lizas Welt" bewegt und informiert, ist nicht überrascht.

Was war passiert? Arte und WDR ließen einen Film über Antisemitismus produzieren, der dann im Giftschrank landete. Die Bild-Zeitung zeigte ihn dann doch und "Das Erste" hat am 21.06.2017 nachgezogen und den Film gezeigt, eingebettet in Fußnoten und mit anschließender Maischberger-Diskussion. Hier ist der Film, an dem sich die Diskussion entzündet hat:



Zum Film: Mir hat er nur wenig neues gezeigt, aber für viele weniger Informierte dürfte es schwer aufstoßen, dass nun "Israelkritik" als antisemitisch gilt. Das ist ja immer wieder das verbreitete Gerücht, dass man Kritik an Israel nicht pauschal mit Antisemitismus gleichsetzen dürfe. Aber macht das jemand? Es gibt Literaturkritik, es gibt eine Filmkritik, es gibt eine Musikkritik und es gibt die Israelkritik. Allen vier gemein ist, dass eine Leidenschaft vorausgesetzt wird, um als entsprechender Kritiker durch die Lande zu ziehen. Der Umstand aber, dass es keine Jordanienkritik und auch keine Ägyptenkritik gibt, sondern Israel das einzige Land der Welt ist, das eine Kohorte von Israelkritikern nach sich zieht, ist Zeugnis einer antisemitischen Obsession, der man auf den Grund gehen muss. Kritik an Israel sollte man immer auf antisemitische Denkmuster abklopfen.

Das hat der Film getan, ich fand ihn deshalb exzellent und bin da in guter Gesellschaft u.a. mit Götz Aly, Michael Wolffsohn und natürlich Henryk M. Broder. Der Film demaskierte die selbstgerechte Kritik an Israel als antisemitische Obsession, von der weite Teile der Gesellschaft betroffen sind, beispielsweise Günter Grass, der Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden deklarierte. Israel! Nicht Russland, nicht Nordkorea, nicht Pakistan, nicht Saudi-Arabien und auch nicht Syrien. Nein, Waffen-GG pickte sich auchgerechnet den jüdischen Staat heraus. Natürlich kokettierte er damit, dass man das nicht laut sagen dürfe, aber er sagte es in der Süddeutschen Zeitung. Ein Widerspruch in sich.

Das Gebahren rund um die Ausstrahlung bestätigte, dass der Film recht hat; der Finger wurde in die offene Wunde gelegt. Ein sogenannter Faktencheck reibt sich vornehmlich an Petitessen. Drei Beispiele:

Filmtext:

Vieles sieht hier aus wie in anderen islamischen Ländern, manches sogar besser. Die Fakten. 74 Jahre ist die Lebenserwartung eines Gaza Bewohners, höher als in Ägypten, der Ukraine und 125 weiteren Staaten. Die Kindersterblichkeit ist auf dem Niveau von der Türkei und damit niedriger als in 97 anderen Staaten, viele davon in Lateinamerika, wie beispielsweise Brasilien. Auf 360 Quadratkilometern leben 1,8 Millionen Menschen. Das entspricht durchschnittlich 5.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. In Paris leben mehr als 21.000 Menschen pro Quadratkilometer.

Anmerkungen dazu:

Hier wird der gesamte Gaza-Streifen mit Paris-Stadt verglichen. Der Gazastreifen ist 360 Quadratkilometer groß. Paris-Stadt hat nur eine Fläche von rund 105 Quadratkilometern. Gaza-Stadt hat eine Fläche von 45 Quadratkilometern. Dort leben 12.202 Einwohner pro Quadratkilometer. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Film angegeben.

Meine Meinung dazu: Was ist daran verkehrt, den ganzen Gaza-Streifen mit Paris zu vergleichen? Warum muss sich ein Ballungsraum an Stadtgrenzen halten? Der Faktencheck unterschlägt, dass die Autoren sich gegen Behauptungen von Israelkritikern wendete, die Gaza als Konzentrationslager oder Freiluftgefängnis bezeichnen.

Filmtext:

Palästina, 1920er Jahre. Die britische Kolonialmacht ernennt Mohammed Al-Husseini zum Mufti von Jerusalem. Kurz darauf wird er zum Führer der palästinensisch-arabischen Bewegung, erhält finanzielle und militärische Unterstützung von Hitler und Mussolini.

Anmerkungen dazu:

Mohammed Al-Husseini wurde 1921 zum Mufti ernannt. Bis zu den großen Unruhen ab 1936 war er pro-britisch eingestellt. Erst in diesem Jahr, 15 Jahre nach seiner Ernennung, initiierte er das Hohe Arabische Komitee, das sich für die Unabhängigkeit von den Briten einsetzte.
Im selben Jahr suchte er die Unterstützung von Mussolini gegen die Briten. Erst 1937 gab es die ersten Kontakte zur deutschen nationalsozialistischen Regierung, die sich ab 1940 intensivierten.
Der Kommentartext vermittelt hingegen den Eindruck, als habe es bereits seit den 1920er Jahren eine entsprechende Allianz zwischen Palästinensern und europäischen Faschisten gegeben.
Meine Meinung dazu: Das ist eine Korinthenkackerei sondergleichen. Tatsächlich entsteht der Eindruck, es hätte bereits in den 20ern eine Allianz zu Hitler und Mussolini bestanden; das streite ich nicht ab. Aber ändert sich das Wesen der Dokumentation, wenn man diese Aussage unmissverständlich getätigt hätte?

Filmtext:

In Frankreich werden das erste Mal auch Synagogen angegriffen. Am 13. Juli 2014 ziehen wütende Demonstranten zur Don Isaac Synagoge in Paris. Nur wenige Polizisten sind vor Ort. Während sich die Gläubigen in der Synagoge Stundenlang voller Angst verbarrikadieren, versuchen Mitglieder der jüdischen Gemeinde das Gebetshaus mit Stühlen zu verteidigen. Sie werden von den Antisemiten in die Flucht geschlagen, der wütende Mob umzingelt die Synagoge. Nur dank der nachrückenden Spezialkräfte der Polizei kann ein Blutbad verhindert werden. In der bürgerlichen Presse wird man danach den Juden vorwerfen, sie hätten provoziert. Wehrhafte Juden sieht man in Europa nicht gerne. Für viele französische Juden war dieser Tag eine Zäsur.

Anmerkungen dazu:

Unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die das Gebetshaus mit Stühlen verteidigt haben, waren auch Jugendliche der Jewish Defense League. Dies ist eine Organisation, die in den USA als terroristische Vereinigung erfasst wurde und auch 1994 von Israel als Terrororganisation definiert worden ist. Jugendlichen dieser Organisation wurde in diesem Zusammenhang seitens der Presse vorgeworfen, sie hätten provoziert.

Logisch: Wenn jemand provoziert, dann der Jude. Wie denn? Der Jude provoziert allein dadurch, dass er da ist und deshalb sind die Demonstranten so zielstrebig auf die Synagoge losmarschiert. Eigentlich spielt es keine Rolle, dass darunter auch Leute von der Jewish Defense League gewesen waren, denn auch diese Leute haben das Recht, sich zu verteidigen. Und die restlichen Juden sowieso. Mich erinnert das irgendwie an die Diskreditierung der ukrainischen Freiheitsbewegung, mit dem Hinweis auf die Swoboda, mit der Absicht, glauben zu machen, das wäre ausschließlich Swoboda. Dies ist keine Gleichsetzung von Swoboda und JDL, sondern ein Vergleich der Diskreditierungsversuche berechtigter Anliegen, einerseits das Streben der Ukraine nach Westen, andererseits das Wehren der jüdischen Bevölkerung gegen Angreifer.

Der Faktencheck kritisiert nicht, er bekrittelt unterschiedlichste Dinge. Der WDR geht mit "groben handwerklichen Mängeln" hausieren, die sich aber als Bagatellen herausstellen. Mitunter stellt der Faktencheck seinen Antisemitismus selber unter Beweis, indem er Aussagen von NGOs in Zweifel zieht, nur weil sie vor allem von amerikanischen Juden finanziert werden. Das Eröffnen von tausend Nebenkriegsschauplätzen durch die Kritiker des Filmes zeigt mir, dass der Film richtig liegt.

Auch Norbert Blüm gefällt der Film nicht. "Er [der Film] folgt der Logik der Rache.", hat er in der Maischberger-Sendung gesagt. "Er dreht eine Spirale des Hasses." - Das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen, denn wie können Tatsachenbeschreibungen der "Logik der Rache" folgen?

Ich bin mittlerweile auf der Hut, wenn jemand etwas fordert, ein Essay oder ein Film habe "ausgewogen" zu sein. Wie irre das ist, kann man sehen, wenn man das auf die Sportberichterstattung überträgt. Wenn der FC Bayern gegen die Rumpelfußballer des HSV antritt, dann wird das eine ziemlich einseitige Seite, mit einem Chancen-Verhältnis von 20:3. Man wird nicht alle Chancen zeigen können, also muss man Abstriche machen. Was heißt nun ausgewogen? Zeigt man 3 Chancen des FC Bayern und 3 des HSV? Letzendlich läuft es darauf hinaus, wenn man die Forderungen der Israelkritikern bzgl. der Berichterstattung ernst nähme. Tatsächlich ist es sogar, dass die Medien uns auftischen wollen, dass der HSV drückend überlegen war. Das sieht man daran, dass wochenlang nichts über Israel berichtet wird, aber sobald Israel sich wehrt, gibt's den Bericht in der Tagesschau.

Es interessiert nur die Wahrheit und die Wahrheit darf nicht zugunsten irgendwelcher Stimmungen, die erzeugt werden können, unter den Tisch fallen. Die Holocaust-Dokumentation wurde in den 70ern auch gezeigt, obwohl sie auf Ablehnung stießen. Hat Blüm auch damals gerufen: "Diese Dokumentation folgt der Logik der Rache."

Und ob Blüm Antisemit ist, kann sich jeder selbst beantworten. Der Herz-Jesu-Sozialist schafft es, Israels Verhalten während eines Massaker der Milizen der christlich-libanesischen Phalangisten an sogenannten "Palästinensern" zu kritisieren. So viel Chuzpe muss man haben! Diese Phalangisten, die eigentlichen Massakrierer, sind nicht nur in Blüms Glaubensverein, sondern sind Mitglied der Christlich Demokratischen Internationalen. Und welche Partei ist da auch noch drin? Richtig, die CDU. Hätte Blüm Verständnis, wenn Kassam-Raketen auf die Stellungen der Phalangisten abgefeuert würden? Sicherlich nicht. Aber die Raketen auf Israel rechtfertigt er so. Und damit ist Blüm aus meiner Sicht ein Antisemit. Auch wenn er jüdische Freunde in Israel hat. Ich habe keine, nicht mal in Deutschland. Nur mal so am Rande.

Die Zusammenstellung der Maischberger-Sendung war aber auch schon ein Gruselkabinett und es ist typisch, dass die Gäste, die den Film gut fanden und auch mit Kompetenz zum Antisemitismus sprechen konnten, in der Minderheit war.  Eine zweite Diskussion war sogar noch viel unfairer zusammengesetzt.

Das Problem des Antisemitismus ist gravierender, als ich gedacht habe; das hat die Dokumentation ganz unfreiweillig gezeigt. Die Reaktionen des Medienzirkus sind höchst aufschlussreich. Anstatt sich inhaltlich mit den Film auseinanderzusetzen, verschanzt man sich hinter seine sehr abstrakte Position, der Film hätte "handwerkliche Mängel". Das ist das typische Ausweichverhalten eines Ertappten, egal ob es sich bei Ladendiebstahl, Steuerhinterziehung, Falschparkens oder Antisemitismus handelt. Ein aufgeklärter Mensch würde seine Denkweise überprüfen und abklopfen, welche Kritik an Israel antisemitisch motiviert war. Ich selber stand Israel mal überwiegend kritisch gegenüber, wenngleich niemals mit der Obsession eines Norbert Blüms oder Jürgen W. Möllemanns. Antisemitismus hat eine jahrtausende alte Tradition und die steckt kulturell in uns. Das lässt sich nicht so leicht abschütteln. Bei den Deutschen gibt's ja noch weitere Ereignisse in der Vergangenheit, derer sie sich nicht immer bewusst sind, die aber ganz entscheiden das Handeln und Denken prägen. Das wäre einerseits der 30-jährige Krieg, der die Deutschen immer wieder dazu bringt, die Unfreiheit zugunsten der Ordnung und des Friedens immer wieder in Kauf zu nehmen, andererseits ist es die Hyperinflation von 1923, die geradezu eine groteske Sorge um das Geld und dessen Werterhalt nach sich zieht. Und mit dem Antisemitismus ist es genauso. Warum wird abgestritten, dass sich da etwas unbewusst in Form von unqualifizierter Kritik an Israel manifestiert? Und was wäre so schlimm daran, den eigenen Antisemitismus anzuerkennen?